ein schauspiel

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der wagen rollt geschmeidig über die strasse, die hier recht gut ausgebaut ist, zwischen kpalimé und lomé, der hauptstadt. mein arm hängt aus dem fenster, der fahrtwind flattert und es gibt momente, da denke ich: das könnte jetzt auch die pfalz sein. oder mittelfranken. wenn man von den einzelnen palmen absieht, dem humiden klima, und noch ein paar anderen dingen… 

als die autos uns am centre abholen, laufe ich betont selbstbewusst auf den fahrer zu und sage: chef, comment tu vas? wir geben uns einen festen handschlag und lassen unsere finger zum schluss gegeneinander schnipsen. vielleicht gibt es eine überschneidung mit meiner unbekümmerten art, kontakt herzustellen, meiner strategie, souveränität und offenheit zu versenden um keine schwäche zu zeigen, welche ausgenutzt werden könnte, aber ich merke, wie ich mich anpasse. wie ich eine rolle übernehme, die mir hier automatisch übergestülpt wird. wie ich mich wie selbstverständlich auf den beifahrersitz setze, während josi, mathilde und hanna ebenso automatisch auf der rückbank platz nehmen. wie ich lache, wenn man mir sagt, sie seien meine drei frauen, wie ich automatisch verantwortung übernehme, als wären sie es. wie ich verhandle mit dem zem-fahrer, wie mein lehrer gaston hauptsächlich mich anspricht, wenn es darum geht, dass wir heute bezahlen sollen, oder wir termine für den nächsten unterricht beschliessen. vielleicht liegt es auch daran, dass ich hier der älteste bin. aber nicht nur. ich habe es eben auch inhaliert, denke ich, das schauspiel der souveränität. vielleicht gehört jenes ja zu den dingen, die man als mann relativ früh lernt, und in verstärkt patriarchalen strukturen umso mehr: so zu tun, als hätte man alles im griff, als würde einen nichts verunsichern. vor anderen, vor sich selbst. in beiden fällen ein schauspiel, um sich selbst zu schützen, und die, die zu einem gehören. das ist ein gutes auto, sage ich also zum fahrer, damit es nicht still ist. ein toyota corolla, nicht? ich habe glück, dass ich es erkenne, es ist nämlich dasselbe modell, mit dem ich angefangen habe, auto zu fahren. dieselbe amatur, dasselbe display, die frequenz ist auf 87,5. SWR1, denke ich. im radio läuft it’s not easy von lucky dube, die gurgelnden orgeln erklingen und dann übersetzt eine sanfte männerstimme den liedtext auf französisch. sind wir gerade im jahr 2007, auf der B317 zwischen hausen und schopfheim, auf dem weg zur schule?, denke ich und sinke ein wenig in meinen gepolsterten sitz hinein. es gibt sogar einen anschnallgurt und die fenster öffnen und schliessen automatisch, während lucky dubes mutter ihrem sohn erklärt, dass das leben und die ehe nicht einfach sind. oooh, i’m hurting… hach, denke ich, eigentlich läuft es doch ganz okay, mit dem leben, und wir fahren gerade über eine kuppel und da sind auch schon die ersten ausläufer von lomé zu sehen. frauen am strassenrand, die grosse plastikeimer auf dem kopf balancieren, mit erdnüssen, weissbrot, kochbananen und wassersäckchen. wenn wir anhalten, kommen sie auf uns zu gerannt und strecken ihre waren durch das fenster. lomé. hitze, staub, autos, unablässiges hupen, moto’s, die sich rechts an uns vorbeischlängeln, riesige werbeplakate mit erfrischungsgetränken. youki – elle vous donne du peps – 350 francs.

das hotel ist natürlich dasselbe, in dem ich 2016 war. le galion. ich wundere mich nicht einmal. ich habe gewusst, dass das passiert, und da ist es auch schon, gleich um die ecke, das meer. mit seiner ozeanskyline – den frachtern, die warten, bis sie in den hafen einfahren dürfen. seltsam, wieder hier zu sein. gestrichen haben sie auch. mit dem weinrot sieht es jetzt noch gehobener aus als damals. wir essen etwas am strand und dann gehe ich mich ausruhen, denn heute, liebe landsleute – um die anrede unseres frischen botschafters in togo zu bemühen – ist unser allerliebster nationalfeiertag: der tag der deutschen einheit. zu diesem behufe wurden wir eingeladen, an den offiziellen festivitäten im garten vor dem botschaftgebäude teilzunehmen, in dessen ersten stock der botschafter dr. clemens fischbach selbst residiert. man könne sich hier durchaus wohl fühlen, meint er, mit dem wunderschönen garten (ein furchtbarer rollrasen) und der brise der wellen des atlantiks, welche 100 meter entfernt an land hupfen. übrigens war ich drin, in den wellen. mit einer mächtigen strömung ziehen sie einen hinaus und man beginnt schon sich zu fürchten, da spülen sie einen ebenso stark wieder an den strand. wie schön, so überwältigt zu werden. meine haare lasse ich salzig, die sehen dann immer so weich aus. nach einem gang über den roten teppich (ja, wirklich) und händeschütteln auf dem podium, spielt die band die deutsche nationalhymne, dann die togoische, und dann auch noch die ode an die freude. niemand klatscht. den restlichen abend müssen sie irgendwelche nach fahrstuhl klingenden jazz-variationen von mittelmässig bekannten pop-songs spielen. vier stunden lang. das muss sie sein, denke ich, des musikers ewige verdammnis. während seiner anschliessenden rede fliegt dr. fischbach ein textblatt vom pult. ce sont les brises des vagues, flüstere ich mathilde zu, und beglückwünsche mich gleich darauf selbst ausgiebig für dieses bonmot, das ja so toll zur höfischen stimmung passt. wir stehen da mit unseren sektgläsern und hören der rede zu, als hätte das alles hier irgendeine bedeutung für uns. ein blonder mann im grauen anzug, glaubt mich zu kennen: have we met? i don’t think so. er reicht mir die hand und stellt sich vor: es ist ronald e. hawkins junior, erster berater der u.s.-amerikanischen botschafterin. i’m joe, i’m a volunteer. stellen sie sich das einmal vor: joram, auf englisch ausgesprochen – das ist wirklich indiskutabel. well… hätte ich jetzt sagen sollen, i’m with the national press agency of togo? dann wäre er wohl auch nicht interessierter an mir gewesen. immerhin sehe ich gut aus, denke ich, streiche mir in einem kurzen moment trotzigen stolzes eine locke hinters ohr, und hole mir ein neues glas wein. am späten abend gehen wir eine pizza essen. auf dem rückweg werden einige von uns mit einem grossen stein bedroht. gebt mir alle eure handys, sagt der mann. zum glück ist abel dabei und schafft es, den angreifer einzuschüchtern, sodass dieser wieder von dannen zieht. vor allem, weil wir weit verstreut nachhause laufen, unter anderem auch frauen in zweiergruppen, hätte das übel ausgehen können. so machen wir das nicht nochmal, denke ich, insbesondere nicht in lomé. ici, les blancs, c’est largent, sagt perel am anfang des orientierungsseminars. und das sind wir natürlich auch. mehr gibt es dazu eigentlich nicht zu sagen. vor allem nicht, wenn man sich gerade noch mit dem botschafter darüber unterhalten hat, dass er hier bis jetzt ja noch keine pferde zum ausreiten gefunden habe. so ein pech..

ein paar tage zuvor: ich sitze mit perel auf einer dunkelbraunen ledercouch. schräg gegenüber von uns auf einem sessel sitzt mein chef honoré. er trägt ein weisses feinripp-unterhemd und schaut seelenruhig in den fernseher, wo irgendeine trash-sendung läuft, während perel ihn davon zu überzeugen versucht, mich als praktikanten einzustellen. wird ernsthaft jetzt gerade mein praktikumsplatz klargemacht, für den ich vor vier wochen und mit sechsmonatiger vorausplanung hierher geflogen bin? honoré hat bedenken: der letzte freiwillige hat vorzeitig abgebrochen und war wohl nicht sehr am arbeiten interessiert, wie perel mir erzählt. das ganze hat etwas von einer verhandlung, sie diskutieren auf ewe meine nützlichkeit, während ich meine kameratasche umklammere und versuche, besonders fähig auszusehen. bald dämmert mir, dass es sich hier wohl eher um etwas förmliches handelt, ein kleines schauspiel eben. mit mir wird kaum geredet: sprichst du französisch? geht so. hast du schon mal in einer redaktion gearbeitet? ja. dann zeigt er mir mein büro. ein dunkles zimmer mit türkisen wänden, drei schreibtischen und einer einsamen steckdose in der wand. wlan oder irgendwelche sonstigen geräte gibt es nicht. bald darauf stehe ich das erste mal allein vor dem grossen bürogebäude, in dem nur honoré zu arbeiten scheint. im erdgeschoss liegt sein appartment, von einem ausserordentlich wachsamen hund flankiert. jedesmal, wenn ich die quietschende türe zur strasse aufmache, fängt dieser kleine köter wie verrückt an zu bellen. jedenfalls muss honoré sich so keine klingel kaufen. wenn ich etwas von ihm will, muss ich mich nur 30 sekunden anbellen lassen und dann kommt er durch den türvorhang. ich setze mich an meinen schreibtisch und öffne meinen laptop, um ein interview zu transkribieren. heute ist er wohl extra schwerfällig… er möchte einfach nicht hochfahren. und dann kommt auch noch so eine meldung, es gäbe eine störung und man müsse jetzt neustarten. beim achten mal reicht es mir und ich schreibe meinem chef, der mittlerweile ausser haus ist: gibt es noch andere geräte, mit denen ich arbeiten kann? nein. okay, dann gehe ich meinen laptop reparieren. ich bin wirklich sauer, das kann nicht wahr sein. wie kann er mich jetzt hängen lassen? erst die sache mit der tastatur und nun das. ich halte einen zem-fahrer an und frage, ob er einen laden kennt, wo laptops repariert werden. wenig später sitze ich auf einem hocker in einem kleinen magasin, während ich das erste mal in acht jahren sehe, wie mein laptop aufgemacht wird. da verbringt man so viele jahre zusammen… und hat sich noch nie von innen gesehen. ich bin überrascht. fühle ich da gerade tatsächlich so etwas wie… angst? so etwas wie mitfühlende sorge um ihn? so geöffnet, so verletzlich wie er da auf dem schoss des ladenbesitzers liegt, werde ich irgendwie traurig, mache mir ernsthafte sorgen, ob er durchkommt, jemals wieder geschlossen werden wird. es ist wohl die festplatte, der chirurg schaut mich mit ernster miene an, c’est fini. aber man muss doch irgendetwas tun können!, rufe ich. und da holt er eine neue festplatte heraus. wie… sie meinen… aber wird er danach noch derselbe sein? ich will sie erlösen: das ist er. aber irgendwie auch nicht. denn jetzt spricht er französisch und hat rechts oben ein rechteck, auf dem alle zehn sekunden ein neuer psalm erscheint. wie es aussieht, haben wir noch ein paar jahre zusammen, mit gottes segen. man macht eben auch mal harte zeiten durch, in denen man sich in grösster verletzlichkeit begegnet. es ist, wie lucky dube’s mutter sagt, not easy.

abends sitze ich in der happy life bar, das brauche ich jetzt. mit issifuo, donald und patrick. wir trinken pils togolais aus 650 cl flaschen, was wie ich finde, eine ausgezeichnete grösse ist, und machen uns gleich auf zu besagter hörsturz-shisha-bar, die hier in sachen clubbing wohl alternativlos zu sein scheint. ein wenig lümmeln wir noch so am strassenrand herum: alles ist voll. die menschen tummeln sich um die tische, die eine mystische landschaft bilden, die man hier tagsüber nicht erahnt. manche stehen, manche sitzen, einige tanzen auf der terrasse der bar, sodass alle ihnen zusehen können. der abend scheint irgendwie aufgeladen zu sein. der bass wummert über die strasse und ich schaue mich zufrieden um, als ich neben mir einen typen erkenne, der einen winzigen weissen hund auf dem arm trägt. er ist wirklich süss. eine seltene züchtung, erklärt mir der typ, für 150.000 francs (230 euro) gehöre er mir. das finde ich ehrlich gesagt ziemlich viel. obwohl es schon interessant wäre zu sehen, wie honorés kläffer reagieren würde, würde ich mit diesem schneeflöckchen ins büro kommen. aber das würde sich bestimmt nicht schicken, genauso wenig wie mein ohrring, den ich auf anraten von perel bei der arbeit ablege. es sei schlecht angesehen, bei männern. lieber schaue ich zu, wie das hündchen mit seinem herrchen tanzt. der typ beugt sich zu ihm herunter, reckt die arme hoch und tänzelt mit den beinen, während das hündchen auf ihn zu- und von ihm wegtippelt, wie eine kleine schaumkrone.

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