verehrte leserschaft, ich melde mich von meinem kleinen schreibtisch mitten in kpalimé, togo. drumherum gibt es wände, über mir ein dach. auf dieses dach prasseln gerade hunde und katzen – c’est un véritable orchestre! es ist regenzeit, bis november hat man mir gesagt. ich bin froh, eine ruhige minute gefunden zu haben, um wenigstens ein bisschen erzählen zu können, was die vergangenen tage vor sich ging.
ich bin nicht abergläubisch, wirklich nicht. und das obwohl ich am basler bahnhof eine melone auf einer sitzbank am bahngleis liegen sah. sie – eine wassermelone – saß dort einfach so, kein mensch weit und breit. wie sie natürlich wissen, sind melonen ein gutes omen. gegenwärtige hoffnungen werden erfüllung finden, ‚einerlei um welche melonenart es sich handelt‘. ist die melone süss, steht sie zusätzlich für liebesglück. aha. was kann es also bedeuten, eine solch schicksalshafte frucht an einem bahngleis zu vergessen? nichts gutes, denke ich, und lasse mich zurück in den sitz fallen.
so langsam, ganz langsam, spüre ich wie es beginnt. wie ich einen riesigen planeten hinter mir lasse: meine familie, meine heimat, diesen vertrauten europäischen kontinent. alles schichten der atmosphäre. wir stehen am bahnhof hausen-raitbach, wo ich aufgewachsen bin, und liegen uns in den armen mit tränen in den augen, wir, die nie besonders gut voreinander weinen konnten. gut, dass wir es nun können, denke ich, und mein bruder gibt mir diesen lächerlichen handschlag, den er ständig macht, bei dem man den arm absurd steil anwinkelt und sich beim hand geben ganz nah kommt, ich schlage ein und wir lachen, mit tropfenden augen.
am frankfurter flughafen, vor dem boarding, blicke ich durch eine weite fensterfront auf meine maschine. zwei ingenieure werkeln noch am vorderrad unter dem cockpit. ist das jetzt ein gutes, oder ein schlechtes zeichen? und wie steht dieses ereignis nun im zusammehang mit der melonen-sache? um den bezug zur realität nicht zu verlieren, habe ich meinen kreisel dabei – genau: wie bei inception. fällt er, handelt es sich um die echte welt. er ist recht fein gearbeitet und kann sich bemerkenswert lange um sich selbst drehen, wie ich. doch am ende fallen wir beide auf den boden, immer wieder. zum glück.

in brüssel treffe ich die anderen ‚freiwilligen‘. ich setze diesen begriff in anführungszeichen, weil er klingt, als würden wir hier eine art dienst ableisten, was nicht der wahrheit entspricht. die wahrheit ist, dass wir unter extrem sorglosen bedingungen ein jahr hier verbringen dürfen. wir haben unterkunft und verpflegung, sogar beschäftigung und werden behandelt wie ehrengäste. ich schäme mich etwas… und hoffe, diese umsorgung irgendwie begleichen zu können. denn im ernst, diese ganze chose, dass deutsche in den globalen süden gehen, um angeblich zu ‚helfen‘, ist ein märchen für unser weisses selbstverständnis der gutheit. man tut es für sich. nicht mehr, und nicht weniger. angehende studenten rutschen nach vorne in ihren wartelisten, das soziale engagement wird rechenbar honoriert, man sammelt wertvolle kulturelle und sprachliche erfahrungen und das alles mit enormer staatlicher förderung, die es ermöglicht, dass wir hier für nur 3180 euro eigenbeteiligung (die durch spenden eingesammelt werden soll) 1 jahr ein bequemes leben haben. das mindeste wäre also, ebenjenes narrativ des europäischen ‚freiwilligen‘ nicht zu bedienen, welcher in ein ärmeres land reist, um dort einen ‚dienst‘ abzuleisten. es sollte einen vergleichbaren süd-nord-austausch geben, und das ganze sollte umbenannt werden in, ich weiß nicht, ‚internationaler austausch‘ oder so etwas.
aber da sind wir jetzt, unter diesen bedingungen, im flieger von brüssel über accra (ghana) nach lomé, der hauptstadt togos. wir fliegen mit brussels airlines in einer lufthansa maschine, es gibt ein niedliches schokolädchen mit dem weissen kranich darauf, plus ein absurd winziges naturell-wasser. über den bildschirm läuft ein einspieler: mitarbeiter der fluggesellschaft haben offenbar eine band gegründet und singen in grotesken versen von aus der decke fallenden atemschutzmasken und rettungswesten. ‚clip the strap into the centre buckle in front and pull it firmly – inflate it, by pulling the cord, with the red tab, you can pull the chord!‘ in einem song klingt das genau so, wie sie es sich gerade vorstellen: holprig. ich nehme noch einen schluck aus meiner lächerlich kleinen pet-flasche und schließe die augen.
und dann heben wir ab. es gibt diese yoga position, sie wird die ‚volle heuschrecke‘ genannt. jeden morgen führe ich sie aus, und jeden morgen fühlt es sich ein bisschen an wie fliegen. nur jetzt geht es ganz leicht – für mich. ich muss nichts tun. nur spüren: dieses kribbeln im bauch. es ist unbeschreiblich – immernoch. wie zur hölle haben wir das geschafft? von oben auf die wolken zu schauen… da stimmt doch irgendetwas nicht. und doch sind sie da, vor mir, breiten sich aus wie ein teppich, oder türmen sich wie zuckerwatte. ich werde das gefühl nicht los, dass ich etwas sehe, was ich nicht sehen sollte – und bin begeistert. schieße unaufhörlich fotos, es macht klack – klack – klack. ich hoffe, die anderen passagiere sind nicht genervt.

beim zwischenstopp in ghana setzt sich ein junge neben mich, leider habe ich seinen namen vergessen, es ist sein erster flug und als wir noch gemächlich über die startbahn rollen, fragt er mich: ‚did we already take off‘?‘. ’noo no‘, sage ich lachend zurück, ‚you’ll notice‘. dann werden wir in die sitze gedrückt und er grinst mich an. zur sicherheit zeige ich ihm den ‚vomit bag‘. als 25 minuten später beim landeanflug die rollen ausfahren, guckt er irittiert. ich erkläre ihm den auslöser des geräuschs und füge hinzu, dass ich es aber nicht genau wisse und vielleicht auch etwas kaputt gegangen sei, aber da weiß er schon, was für ein typ sitznachbar ich bin, grinst erneut und gibt mir einen leichten stoß in die seite.
dann sind wir plötzlich da: in togo. aber gleichzeitig sind wir nirgends angekommen, denn vor der passkontrolle sammeln sich mehrere hundert menschen, ohne dass sich etwas zu bewegen scheint – und keiner weiß, wieso. ich frage einen togolais, der in frankfurt gewohnt hat und deutsch spricht, was los sei und er meint nur, das sei normal, es würde einfach dauern. wir stehen vor den gläsernen kästen, menschen rennen hektisch hin und her, wedeln mit papieren, jemand in uniform zeigt mir ein foto von einem weissen und fragt mich, ob ich stefan sei. ich verneine und bereue kurz darauf, als stefan gefunden und durch einen geheimgang auf die andere seite von hadrians mauer geführt wird – seine mir gänzlich unähnliche frisur, aufgrund der luftfeuchtigkeit zu allen seiten entweichend, schwindet im halbdunkel der ankunftshalle. zwei stunden später, wir stehen immer noch auf der falschen seite und beobachten sehnsüchtig unser gepäck, das auf dem schwarzen band hinter der scheibe unentwegt im kreis wandert. die grenzbeamten sind abwesend, nicht greifbar, sie wandeln zwischen ihren kästen umher, tauschen mal die plätze, schimpfen miteinander und beugen sich dann wieder minutenlang über ein dokument. die mühlen der bürokratie…, denke ich mir, doch gleichzeitig sind sie furchtbar ungeduldig mit uns, es ist seltsam. wir haben alle ein einjahres-visum (150 euro) online beantragt und sämtliche erforderlichen dokumente auf dem visums-portal hochgeladen, auf dem eine unkomplizierte einreise versprochen wird . jetzt stehen wir vor der scheibe und der uniformierte mann erklärt uns, dass er das hier so nicht genehmigen kann, schickt uns an einen anderen glaskasten und wieder zurück, noch einmal woanders hin und irgendwann, da stempelt er uns in einer dreiviertelstündigen prozedur ein 15-tages-visum in den pass und erklärt, wir sollen morgen ins konsulat gehen, um das visa professionell für ein jahr zu beantragen (was wir nächstentags taten, indem wir alle unsere online hochgeladenen dokumente ausgedruckt, mit einem nochmals vor ort aufgenommenen passfoto, durch eine schmale öffnung in einer mauer steckten). an diesem abend jedoch war für uns kein ende in sicht. unsere ‚deutsche‘ transparenz-, effektivitäts- und funktionalitäts-vorstellungswelt war in einen kafkaesken albtraum abgeglitten. doch sobald wir uns damit abgefunden und dem undurchsichtigen treiben hingegeben hatten, ging es schon etwas leichter und tatsächlich, irgendwann, irgendwann laufen wir, unser gepäck vor uns herschiebend und -stoßend, durch eine allerletzte türe, den gang hinab, wo wir frische luft spüren auf unserer, durch die feuchte hitze glänzenden haut, und treten ins freie. schemenhaft erkenne ich eine person, die sich aus der symbiose mit einem autopoller löst und ruft: ‚ils sont arrivées! ils sont arrivées! willkommen! bienvenue à togo!‘. es ist perel, unser mentor und chef der organisation iva (international volontaire en action), er kommt auf uns zu, in kurzer hose und regenjacke, und strahlt uns an. er muss stunden gewartet haben, denke ich, und dann umarmt er uns alle und plötzlich weiss ich, warum er eine regenjacke an hat.
an einer ecke verkauft jemand melonen. ich laufe wie ferngesteuert, kaufe mir eine, schneide sie auf und beiße hinein. ich drehe den kreisel auf dem angenehm kühlen parkplatzboden, und er dreht sich.. und dreht sich.. und dreht sich.


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