on est ensemble!

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7–11 Minuten

ich sitze oberkörperfrei und klebrig vor dem bildschirm und bin mittelschwer am verzweifeln. meine tastatur hat sich komplett aufgegeben: nach jedem i wird automatisch ein u angehängt und andersherum. möchte ich ein j oder k schreiben, kommt andauernd kj heraus und vor ein m mogelt sich iu,m,mer eiun kjo,m,ma. wie soll ich denn so arbeiten? das muss das klima sein. so eine scheisse, ehrlich, ich bin wirklich sauer, halte mir die flachen hände vor die stirn und dann fängt meine birne an zu flackern und ich sitze im dunkeln.

im dunkeln lag lange zeit auch meine vorstellung von dem leben hier, den menschen, der unterkunft. ich habe mich im vorhinein auch gar nicht viel informiert, war nicht auf google maps oder irgendwelchen webseiten unterwegs gewesen und als ich dann dort stand, vor dem centre (dem waisenhaus, in dem unsere organisation iva sitzt und in dem wir verpflegt werden) und die ganzen menschen uns begrüssten und umarmten und namen auf mich niederprasselten – schöne namen, wie bernice, abel, fofana, magloire, sami, diane, faure, gloria, clémence, bazile -, und wir durch unser appartment und unsere zimmer geführt wurden, da wurde das alles auf einmal ganz schnell echt und während es noch echt wurde, nahm das leben hier schon fahrt auf und wurde immer schneller, und schneller, und schneller…

ich sehe mich inmitten von kindern, eins auf dem arm, eins zieht mich am t-shirt. wir haben gerade gegessen: fufu. eine halbe ewigkeit haben wir ihn gestampft, junior und ich, und ich möchte hier nicht angeben, aber junior meinte, er habe noch nie jemanden das erste mal so souverän fufu stampfen sehen. wie sehr meine blase am daumen schmerzt, verschweige ich ihm. dass ich bereits tropfe und mein gesicht sich erdbeerrot verfärbt, während bei junior eine kleine perle unauffällig in die rechte augenbraue kullert, kann ich dagegen nicht gut verbergen und werde ständig gefragt, ob es noch gehe. natürlich gehe es noch, erwidere ich etwas beleidigt und lasse den schweren holzstab mit aller kraft auf die weisse, schlabberige masse flatschen. maman thérese, die leiterin des centre, sitzt auf einem hocker vor uns und kippt immer mal wieder mit der hand wasser hinzu, in das dunkelbraune holzgefäss in das wir abwechselnd stossen, einfach zwischen rein, in unsere rhythmische abfolge, furchtlos und voller vertrauen auf unser rechtzeitiges achtgeben.

der fufu ist aus yams-wurzeln, von denen das centre hunderte lagert und an mindestens eine boutique die strasse hinunter verkauft. mehrmals die woche kommt ein mann mit dem auto, vollgestopft bis oben hin mit yams oder mit gigantischen säcken voll getrocknetem mais. er fährt dann rückwärts in den innenhof und hält vor dem lager, sodass man die güter nicht weit tragen muss. manchmal bilden wir dann eine kette und schmeissen uns die wurzeln zu, manchmal zerren wir zu dritt einen maissack über den boden. ein mal platzen ein paar dieser säcke beim ausladen, der mais rieselt mit einem angenehmen geräusch aus einem loch heraus auf die erde. maman findet hierbei nichts angenehm, schimpft sehr ausgiebig mit dem mann und ruft immer wieder mille francs, mille francs! ich schätze, die säcke haben so viel gekostet und sie ist sauer, dass sie trotzdem so schnell reissen. oder sie ärgert sich einfach allgemein über den preis. der mann schmunzelt nur und entgegnet bisweilen etwas beschwichtigend klingendes, aber nur sehr verhalten, denn er scheint zu wissen, dass es nun das klügste ist, klein beizugeben und die tirade über sich ergehen zu lassen.

worüber genau geredet wird, das kann ich selten sagen. meistens rate ich nur, beobachte das verhalten, lache, wenn die anderen lachen oder finde mich damit ab, dass ich eben nichts verstehe. um so schöner ist es, wenn ich dann doch mal etwas aufschnappe und das passiert tatsächlich immer häufiger. ein paar mal die woche haben wir nämlich ewe-unterricht bei gaston, einem ehemaligen lehrer. ewe, das ist die lokale sprache hier, sie wird in togo und ghana von über drei millionen menschen gesprochen und sieht ungefähr so aus: efɔ nyuidea? ⁠ɛ mefɔ – woya de? ɛ nye ha mefɔ – ele yi afika? me yi duame (geht’s dir gut? ja, mir geht’s gut – und dir? ja, mir geht’s auch gut – wohin gehst du? ich gehe in die stadt). oder irgendein kind ruft: fréde a de? und ich antworte: ele yi asime (wo ist fréde? er geht auf den markt). so baue ich mir langsam einen kleinen wortschatz auf und kann hin und wieder meine grande famille überraschen.

apropos grande famille: ich setze emma also auf der holzbank ab, wo die anderen schon sitzen und die uno-karten verteilen. sie fuchtelt mit ihren patschehänden an meinen haaren herum. sie ist vielleicht drei oder vier, aber bereits ziemlich durchtrieben. wenn sie nicht gerade an jemandes haaren zieht, bespritzt sie unschuldige mit wasser, nur um sie zu provozieren, und dann schaut sie einen so herausfordernd an und möchte im nächsten moment hochgehoben und irgendwohin getragen werden. ich setze mich zwischen sami und winner, die sich quer über den tisch bekämpfen, weil winner eine karte hat verschwinden lassen. überhaupt wird hier das chaotischste uno gespielt, bei dem ich je mitgemacht habe. ständig werden karten untereinander geschoben, hin- und her getauscht und die reihenfolge missachtet. das alles passiert so schnell, dass ich regelmässig völlig den kontakt zum spielgeschehen verliere, wenn clémence mir nicht sowieso vorher die karten aus der hand genommen hat. ich erzähle ihnen, dass sie die schlimmsten uno-spieler aller zeiten sind und sie lachen und sagen, ich hätte doch auch eine falsche karte untergeschoben, was natürlich nicht stimmt, denn jeder der mich kennt, weiss, dass ich mich wo immer ich steh‘ und geh‘, vehement gegen kartenspielbetrug einsetze.

die mittagsruhe ist kurz und wenig erholsam, nach zwanzig minuten muss ich schon wieder los, diesmal zum terrain, denn es ist trainingszeit. am wochenende findet im quartier des étoiles nämlich ein grosses nachbarschaftsturnier statt. sechs mannschaften mit spielern im alter von 8 bis 14 jahren werden gegeneinander antreten und man hat mich soeben als trainer berufen. ja, echt wahr. ich bin, sowie ich das schreibe, immer noch im amt und stets in sorge um meine jungs, wie auch an jenem mittag, sekunden nach der amtsübernahme. eiligst verlasse ich die uno-runde, laufe über die straße und kritzle, hektisch eine zigarette rauchend und löslichen kaffee aus einem plastikbecher in mich hineingiessend, trainingsspiele und mögliche aufstellungen auf ein blockblatt. ein kaugummi rein, den ball aufgepumpt, und los: zwei gegen zwei, fällt ein tor, bleibt die gewinnermannschaft. ich versuche mich an einer ansprache, versuche, den jungs meine philosophie näherzubringen: ääh.. il y a deux… il y a deux choses qui sont.. äh.. importantes pour moi: ce sont la vision et le .. le double pass […], und komme mir dabei vor wie giovanni trappatoni, aber die jungs scheinen zu verstehen und da mein team eine ungerade zahl an spielern aufweist, muss ich natürlich leider auch noch einspringen, wie ärgerlich.

nebenbei finden unsere orientierungstage statt. das team von iva stellt seine organisation vor, externe berater erzählen uns von sozialen gepflogenheiten und dem gesundheitssystem. perel hält immer wieder kurzvorträge über das zusammenleben im centre, sein credo: on est ensemble – chez nous c’est chez vous. wir sind eine grosse familie, und bei allen problemen können wir uns der unterstützung der familie sicher sein. dies zu vermitteln, ist ihm sehr wichtig. manchmal benutzt er das auch als abschiedsgruss; schon im weggehen begriffen, dreht er sich noch einmal leicht um, drückt sehr lässig für einen kurzen moment die fäuste auf bauchhöhe aneinander und schiebt ein beiläufiges on est ensemble! hinterher. das hat schon etwas ikonisches, weil er eben auch so ein lässiger typ ist. unser gastbruder abel nimmt das kennenlernen, die sozialen aktivitäten in die hand – nimmt uns mit in eine laute shisha-bar, wo mir die ohren abfallen, sitzt und quatscht mit uns abends im hof, anderntags kommt donald zum kartenspielen, und dann lernen wir freiwilligen uns natürlich auch untereinander kennen, sitzen auf der terrasse oder hängen in der hängematte herum, lachen viel, sammeln mückenstiche, alles schwimmt so ein bisschen ineinander und ständig öffnet sich die dunkelrote türe und ein paar kinder kommen hereinspaziert, um zu sehen, was wir da so treiben, und ob sie uns irgendwie ärgern können und dann gibt es irgendwann abendessen und wir sitzen da, auf den holzbänken unter dem dach, während es mal wieder regnet und kategorisieren den schärfegrad der piment, des scharfen gewürzes aus zerstampften grünen schoten, die aussehen wie winzige paprikas. heute ist es eine 4 von 10. bernice hat wieder ausgezeichnet gekocht und wir bedanken uns bei ihr und dann kommen auch schon wieder die kinder, beschmeissen uns mit ihren t-shirts und tun dann so, als hätten wir sie geklaut. mit glänzender haut, dreckigen fingernägeln und roten punkten an den fussknöcheln, falle ich ins bett.

jeden sonntag ist hier gottesdienst. außerdem mittwochs und freitags, aber am sonntag gibt es wirklich die volle extase, mit vier stunden komplett übersteuerten mikros auf anschlag und pausenlosen, zwischen pastor und gemeinde hin- und hergeworfenen gebeten. die sache ist die: die kirche ist direkt nebenan. also unmittelbar – wand an wand, ich glaube sogar, wir teilen uns eine wand oder vielleicht ist auch gar keine da. als der gottesdienst um 8:30 beginnt, bin ich jedenfalls schon wach. ich mag den sonntagmorgen. man hat zeit… es tut sich ein kleines vakuum auf in dieser dichten, geräuschvollen welt. ich beisse ein trinkpäckchen auf und lümmle auf meinem roten plastikstuhl, die beine über die armlehne gelegt. dann ziehe ich mich aus und mache yoga. begleitet von den gottpreisenden ausrufen meiner brüder und schwestern auf der anderen seite der wand, falte ich meinerseits meine handflächen vor der brust zusammen und ziehe, langsam und gleichmäßig, während ich einatme, die ellenbogen seitlich nach oben, so weit es geht – atme aus und lasse sie dabei wieder nach unten sinken. meine nachbarn da drüben und ich, eigentlich machen wir doch gerade dasselbe, denke ich, auch wenn sich die ausführungsformen aufs absurdeste unterscheiden: ich, still, allein und nackt auf einer plastikmatte, mit meiner westlich-individualistischen pop-religion, sie, zu hunderten, in sonntäglichster garderobe und überwältigender hingabe eine laute und ziemlich ausufernde party feiernd. als ich mit den übungen fertig bin, knie ich mich hin und schaue lange in den spiegel. der bass dröhnt, eine stimme kreischt und ich zucke zusammen, dann greife ich in eine dose auf meinem schreibtisch, fische zwei ohropax heraus und klebe sie mir auf die ohrmuscheln. das wachs fühlt sich komisch an, aber der lärm wird dumpfer. meine arme und beine sind schwer. aber gut schwer. in einem nächsten impuls setze ich mir auch noch die kopfhörer obendrauf, und dann ist es ganz still, ich höre nur noch meinen atem, und als die musik dann einsetzt, da muss ich plötzlich weinen. endlich bin ich ganz allein.

4 Antworten zu „on est ensemble!“

  1. Avatar von Filou
    Filou

    bro meine tastatur ist heute morgen auch am arsch gegangen no cap. hab mir zum frühstück eine schokomilch ins glas gefüllt und das volle glas dann mit der flachen hand über den laptop gestoßen aus versehen. bin allerdings echt entspannt damit umgegangen, muss ich mir zugestehen, hat mich kaum interessiert. jetzt darf ich hier auf so ner bildschirmtastatur jeden einzelnen buchstaben reinklicken. egal man sende much love

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    1. Avatar von lecrayonvert

      hahaha… dann weiss ich deinen kommentar umso mehr zu schätzen. meine tastatur hat sich mittlerweile wieder erholt, ich habe sie 30 minuten vor den ventilator gehalten.

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  2. Avatar von Myriade

    Super, da gibt es tatsächlich jemanden der/die Magloire heißt 😉 Deine Beschreibungen sind sehr realistisch nah an den Geschehnissen, zum Mitschwitzen gewissermaßen. Ich bedanke mich sehr für die großartigen Berichte jenseits von missionarischem Eifer und hoffe, dass die Tastatur und die Temperatur dich nicht austricksen 🙂

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    1. Avatar von lecrayonvert

      vielen lieben dank für ihr anhaltendes interesse! ich freue mich arg wenn’s gefällt 🙂 und lese ihre beiträge ebenfalls mit freude und gewinn.

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