vor ein paar tagen dachte ich, ich habe malaria. also bin ich ins krankenhaus gefahren, um auf nummer sicher zu gehen. ich hatte entsprechende symptome und in den ersten wochen immerhin auch ungefähr 43 mückenstiche angesammelt. ich packte meinen rucksack und wir fuhren mit dem moto eine lange strasse entlang, über den markt und dann irgendwann nach rechts, auf einen, selbst für togolesische verhältnisse, ziemlich holprigen weg bergab. die nachbarschaft war wie leergefegt, der zem (so nennt man die moto-taxi-fahrer) liess sein moto auslaufen und wir glitten fast lautlos im mondlicht um hügel und schlaglöcher herum. es hatte was von ski fahren. zwischen den flachen wellblechhütten am wegesrand hingen wäscheleinen und es kam mir vor, als sähen wir gerade den etwas ärmeren teil kpalimés. schwer vorstellbar, dass hier eine klinik stehen sollte…
wir betreten das sprechzimmer: ein enger, hoher raum, vollgestopft mit aktenordnern und büchern aus denen weisse zettelchen hervorquellen. ein wenig nach hinten verlagert steht ein tisch, auf ihm ein meer an heften, prospekten und losen blättern… doch da ist noch etwas darunter, das sich dem ersten blick entzieht: ein gigantischer, faustdicker foliant prangt aufgeschlagen unter den kleinen papierfischen, wie ein wal mit weit geöffnetem maul, bereit sie zu verschlingen. dort hinein trägt der junge doktor nun einige buchstaben und zum schluss seine schnell und leicht gezogene unterschrift. durchfall? mhm.. seit wann? wie oft bis jetzt? okay. was noch? .. alles klar. mein blick schweift nach rechts und dort entdecke ich nun etwas wirklich entzückendes. es gibt diese kulturellen unterschiede im stilempfinden, die dazu führen, dass man bekanntes, andernorts durch den kontext völlig verfremdet wiederfindet, wie mit einer neuen bedeutung versehen. die lippen schürzen, zum beispiel, und durch eine kleine öffnung luft einsaugen, was dann dieses geräuscht macht, wie wenn man eine katze anlocken möchte (was dann ja eh nie klappt, weil selbst die katzen das würdelos finden), wirkt auf uns einigermassen herabsetzend. hier ist es völlig in ordnung, auf diese weise in einer bar auf sich aufmerksam zu machen, etwa wenn man bestellen möchte. was ich jedenfalls dort sehe, in dem sprechzimmer der privatklinik solidarité im südosten kpalimés, an diesem schwülen donnerstagabend, ist ein langer, schwerer, fast bis zum boden reichender schwarzer vorhang, diagonal gemustert mit dem goldenen, und gut und gerne 50 zentimeter messenden logo von louis vuitton. ich muss schmunzeln – so etwas macht mich irgendwie immer froh und ich kann ihnen gar nicht genau erklären warum, oder vielleicht möchte ich es auch nicht. vielleicht ja, weil phänomene wie dieses, die dinge im allgemeinen immer etwas relativieren.
der doktor hebt (mit beiden unterarmen) den vorhang an, und wir schlüpfen durch eine hintertür in einen flur und von dort in das behandlungszimmer. im zimmer sitzen zwei frauen, quatschen, spielen karten und essen koliko mit würstchen. koliko, das sind pommes aus yams, kann man sagen. der ganze raum riecht jedenfalls danach. oder vielmehr nach den würstchen. erst jetzt entdecke ich rechts hinter der türe einen mann, der sich hin und her windet und laut stöhnt. er hält sich den bauch und manchmal erbricht er ein wenig in eine op-schale. ich bemühe mich, mir nicht die mischung dieser beiden gerüche vorzustellen und bin gleichzeitig dankbar, an die ohropax gedacht zu haben. ich bekomme ein kleines betttuch, das nicht bis ganz unten reicht, dann lasse ich mich auf die knartschende, mit schwarzem kunstleder bezogene matratze fallen. courage, sagt der doktor, und dann pikst er mich. es ist gar nicht schlimm, und schon möchte er wieder hinausgehen, aber da sind ihm die füsse des brechenden mannes im weg, denn dieser ist ziemlich lang. leo, raunt der doktor und tippt ihm behutsam auf die ferse, und leo hebt seine langen beine in die luft und hoch zum himmel, wie bei diesem song von element of crime, und so kann der doktor nun die türe aufziehen. weil der doktor mich kurz darauf auch in den hintern pikst, bittet er die spielenden und essenden damen, den raum zu verlassen, was ich angesichts der allgemeinen lage ziemlich überflüssig finde, so wie sie da sitzen, laut lachend und scherze reissend, mitten in leos ächzen hinein, da kann er mich jetzt ruhig auch in deren anwesenheit in den hintern piksen. aber da verlassen sie bereits kichernd den raum und mir wird ein zweites mal mut gewünscht. ich hoffe, sie sprechen mich nicht an, ich habe wirklich gar keine lust auf smalltalk und ausserdem schäme ich mich vor franzosen immer für mein französisch, weil die immer so schnell reden und ich mir dagegen vorkomme, wie so ein troll aus der herr der ringe, der eigentlich nur das wort hammelfleisch so richtig artikulieren kann und das dann eben ganz oft wiederholt.
bald darauf kommen die frauen wieder zur tür herein und ich verstehe nicht wirklich, wieso sie das jetzt tut, aber die eine beginnt laut no woman no cry zu singen. mir wird blut abgenommen, das über nacht auf malaria-erreger getestet wird und dann bekomme ich gegen etwaige erreger eine infusion gelegt. noch glaube ich, dass ich hier übernachten werde und denke darüber nach, wie seltsam sich das hier anfühlt. so gar nicht nach krankenhaus. ich liege hier mit meiner alltagskleidung und dem pullover als kopfkissen auf einem bett ohne decke oder ein richtiges bettlaken. es ist heiß, der ventilator ist kaputt. und dann diese kartenspiel- und essensgeräusche. eher wie im nachtzug, denke ich, und mache die augen zu. und dann habe ich das erste mal seit ich hier bin so eine ahnung von heimweh. ich weiss, wie sich das jetzt für sie anhört. jetzt hat der bub nach nicht einmal drei wochen in togo schon heimweh, was ist da denn los. aber so ist das nicht (mama, kannst du mich bitte abholen?), wirklich nicht. es ist nur so… ich denke nur, ich muss dort jetzt die ganze nacht liegen und dann schweift eben mein kopf ab und ich denke an ein sauberes, blitzendes hotelbadezimmer mit seifenspender und riesiger badewanne. ich denke an einen kalten wind und daran wie es wäre, jetzt eine jacke zu tragen. ich denke an herbstblätter, feinen nieselregen und heisse schokolade im café.
plötzlich schwingt die türe auf und abel kommt rein, ich schaue sofort nach oben auf das infusionsfläschchen, es ist leer, ich muss eingenickt sein. abel sagt: jo jo (einmal jo reicht ihm meistens nicht, aber manchmal nennt er mich auch jerome, das ist schlimmer) viens! on va aller. also ohne übernachtung – ist mir ganz recht. als ich mich später am abend erbreche und mit bauchkrämpfen am boden liege, fahren wir noch einmal ins krankenhaus und dieses mal gibt es andere fläschchen für mich, die eine ist neongelb, so wie mountain dew. wahrscheinlich kann ich jetzt fliegen. vor allem aber bin ich nun derjenige, der stöhnt und sich windet. gebrochen habe ich schon im auto, auf der buckelpiste – kann ich jedem empfehlen, der sich keinen finger in den hals stecken kann. die plastiktüte mit meinen gesammelten werken (ausdruck meines vaters für benutzte tempotaschentücher), liess ich in eine trockene abflussrinne am strassenrand fallen. vielleicht, wenn sie eines tages in kpalimé vorbeikommen und glück haben, ist sie noch dort.

zwei tage später fahren wir fufu essen, eli und ich, ich hatte nämlich kein malaria, sondern nur parasiten in meinem bauch, aber der fufu, der ist gestern drinnen geblieben. mit erdnusssauce, das schmeckt wirklich spektakulär… echte empfehlung (und diesmal im ernst). eli arbeitet auch für iva und hat mich die letzten beiden tage ins krankenhaus begleitet. auf dem weg zum resto hält der zem-fahrer plötzlich an und eli steigt ab, einen zweiten zem-fahrer herbeiwinkend. der grund: etwa 20 meter vor uns ist eine polizeikontrolle und eigentlich ist es verboten, mehr als eine person hintendrauf zu nehmen. für die folgenden 40 meter steigt eli also auf ein zweites moto und wir fahren unbehelligt an den 4 uniformierten vorbei. das hätte er auch laufen können, denke ich, aber wir fahren direkt zur apotheke weiter, wo ich mein antibiotika bekomme. immer wieder rufen mir kinder hinterher: yovo yovo (weisser, weisser) oder alte frauen wollen mich heiraten, aber eher so aus spass (vermute ich jetzt mal..) und dann sind wird da. finger rein in die heisse sauce, fufu dazu und los geht das geschlecke. dieses mal hoffentlich ohne parasiten. courage!


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