ça bouge…

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8–12 Minuten

wenn ich die schwere metalltüre öffne, hin zum kleinen hof vor dem haupteingang des bürogebäudes der agence togolaise de presse (atop), gibt es ein schlimmes quietschen. es quietscht und schon ist er da, der kläffer, um gegen meine anwesenheit zu rebellieren. kurz rumpelt es in seinem pappkarton, während er sich aufrichtet und dann hetzt er in meine richtung, bis sich die leine um seinen hals spannt, als wolle er sich strangulieren. es ist mir ja egal, wenn er mich nicht mag. aber ich möchte mich nicht länger so belästigen lassen, schliesslich müssen wir beide dort arbeiten. deshalb finde ich, dass er mich wenigstens als kollegen akzeptieren könnte. er passt auf seinen chef auf, das habe ich schon verstanden. aber ich tue ihm ja nichts, dem chef, im gegenteil, wir verstehen uns super. er redet nicht besonders viel, und das mag ich an ihm. er legt auch nicht viel wert auf höflichkeit oder besondere fürsorge für seinen praktikanten, aber ich weiss auch warum. er möchte sehen, ob ich es ernst meine mit der arbeit, ob bei mir eine intrinsische motivation vorliegt – mit zu reportagen zu fahren, zuzuhören, zu verstehen, tonaufnahmen zu machen um später das wichtigste herauszufiltern; gute formulierungen zu finden und die richtige reihenfolge, in der die informationen zubereitet werden sollen – wie ein vier-gänge-menü: der titel, der chapeau mit den fünf w-fragen, der hauptteil mit den kernaussagen der reden und interviews, der schluss mit hintergrundinfos und weiterführendem. das gute ist: ich habe diese motivation. wirklich. so sehr, dass es mich manchmal erstaunt und sogar rührt, weil ich das gefühl habe, beruflich endlich etwas zu machen, was mir so richtig entspricht. am mittwoch stand ich neben dem direktor des handelsministeriums der region plateaux, hielt ihm mein handy vor die brust und hörte seinen eloquenten und wohlüberlegten politikersätzen zu, da hat es mich plötzlich gepackt, ganz unerwartet. ich hatte so ein unvermitteltes gefühl des glücks und der dankbarkeit für das, was ich da gerade machen darf und bekam etwas feuchte augen, was in dieser öffentlichen situation natürlich ein wenig seltsam war, aber niemandem auffiel, da ich nur einer von vielen medienleuten war, die um ihn herumstanden.

da mein chef mittlerweile merkt, dass ich bereit bin zu arbeiten, weil ich nach aufgaben frage, sie erledige und feedback einfordere, beginnt er auch gefallen daran zu finden, mir dinge beizubringen. zumindest bilde ich mir das ein. für meinen vierbeinigen kollegen habe ich eine andere taktik: nachdem ich mich rechts an ihm vorbei ins büro geschleust habe, lege ich meine sachen ab, greife in die unterste schreibtischschublade, laufe wieder zurück und trete auf die terrasse in seine sichtweite, wo ich in die hocke gehe und ihm ein leckerli vor den pappkarton schmeisse. dann verharren wir eine weile so: er bellt und ich gucke ihn ein bisschen an. dann richte ich mich wieder auf, verlasse unser morgendliches standoff und zähle die schritte auf dem weg ins büro, die sein bellen noch anhält: mit jedem tag ein bisschen weniger – die gute alte klassische konditionierung. wenn ich zwei stunden später kurz bei ihm vorbeischaue, ist das leckerli verschwunden. heute hat er sogar daran herumgeschleckt, während ich noch da war!

die woche über bin ich also von 8 bis 12 in dem schönen, hellroten gebäude, das sie oben gesehen haben, rechts ums eck. es ist kein problem für honoré, mir ein eigenes büro zur verfügung zu stellen, da ausser mir und ihm niemand mehr hier arbeitet. alle seien in rente gegangen, sagt er. nach einem vormittag in detektivstimmung, an dem ich die tür zum nebenraum geöffnet und einen weiteren, noch etwas grösseren, verstaubten und vollgestellten büroraum vorgefunden habe, der aussieht, als wäre er einigermassen jäh verlassen worden, habe ich ihm diese unauffällige frage gestellt, ob er denn auch mal kollegen hatte, da das gebäude ja so gross sei. tags darauf war die türe mit einem schreibtisch verstellt worden. ein eindeutiges signal.

es gibt nicht jeden tag arbeit, aber wenn, dann heisst das wir fahren irgendwo hin. mein chef ruft mich dann quer übers gelände, bereits auf dem moto wartend und ich habe circa 30 sekunden um meinen laptop herunterzufahren und alles zusammenzupacken, bevor er schaut wo ich bleibe. keine ahnung wo wir hinfahren, wie gesagt, er kommuniziert nicht allzu viel. mal ist es das rathaus: die jeunes bacheliers engagés haben ihren einmonatigen workshop zu zivilem einsatz für die kommune absolviert, dessen ergebnisse nun zusammengetragen werden sollen. oder ein ministerium lanciert den mois du consommer locale, bei dem sich kleine unternehmen vorstellen und neue strategien für die stärkung der lokalen wirtschaft definiert werden. bürgermeister, präfekt und regionaldirektor des ministerium sind da. oder das comité nationale de facilitation feilt in einem bedenklich heruntergekühlten seminarraum an einem plan, das chaos auf den überregionalen strassen zu minimieren, wo laufend inoffizielle kontrollen stattfinden, also einem irgendwelche leute mit gewehren den weg versperren und geld haben wollen.

wenn ich glück habe, wird während der veranstaltungen meist französisch gesprochen und nur ein paar ausführungen oder interaktionen finden auf ewe statt. wenn nicht, muss ich meinem gastbruder abel, der inzwischen für sein studium leider nach lomé abgehauen ist (das waldhaus premium pils als gastgeschenk hat er verschmäht und jetzt starrt es mich jeden abend aus dem schrank heraus an), mal wieder eine audiodatei schicken, die er dann für mich ins französische übersetzt. französich ist mittlerweile schon einfacher geworden, besonders meine ohren haben sich daran gewöhnt und das schreiben geht mit hilfe eines übersetzungsprogramms eigentlich problemlos. und doch stehe ich dann da, anfangs, in all meiner blanken planlosigkeit, während der direktor irgendeines wichtigen staatsorgans zu – mir völlig fremden und unverständlichen – reformen stellung bezieht, die schon in kraft getreten sind, oder noch nicht, oder es noch sollen? auch er ist verunsichert, hat sich auf dieses interview nicht vorbereitet und seine augen suchen immer wieder die meinen und in ihnen bestätigung und mut, sich weiterzuquälen, durch das linguistische sumpfgebiet der ich weiss nicht so richtig wovon ich rede – region. es ist mal wieder so ein verzerrtes schauspiel: er in feinstem zwirn, mit sonnenbrille und fetter golduhr am handgelenk, ich, mit einem für meine eigentliche ohnmacht völlig unangemessenen selbstbewusstsein nach aussen. an dieser stelle möchte ich nochmals auf die unbedingte aufrechterhaltung der männlichen souveränität verweisen. ich habe wirklich keinen schimmer wovon er redet, aber wie durch zauberhand nicke ich an den richtigen stellen, was ihm jeweils einen kleinen auftrieb gibt und so lavieren wir uns knapp über der grasnarbe durch das interview, bis er sich am ende den schweiss von der stirn wischt und sagt, wir müssen das nachmittags nochmal machen, und ihm vorher die fragen schicken.

mittlerweile läuft alles schon etwas routinierter und teilweise schickt honoré mich auch alleine voraus, dann platze ich in irgendein offizielles event, spüre die blicke auf mir, dem einzigen weissen im raum, lokalisiere die anderen presseleute, von denen ich vielleicht schon einige kenne, und fange an fotos zu schiessen und mein handy während der reden auf das pult zu legen. okay, jetzt einfach so tun, als würde man das schon zum hundertstenmal machen, als würde man jetzt genau hierhergehören, sage ich mir dann. zum glück sind die presseleute hier nett zueinander und wenn irgendjemand ein interview mit einer person macht, kriegen alle bescheid und kommen dazu.

am nächsten tag schicke ich honoré ein einseitges papier über das geschehene, manchmal gibt er mir feedback, manchmal nicht. momentan bin ich sozusagen noch im training – was ich schreibe wird noch nicht veröffentlicht. atop ist immerhin ein staatsmedium, es wundert mich also nicht, dass ich hier nicht direkt mitsudeln darf. in absehbarer zeit soll es aber so laufen, dass ich das papier noch am selben nachmittag an honoré schicke, damit er drüberschaut und es nach lomé an die zentrale weiterleiten kann, wo es verarbeitet und am nächsten tag veröffentlicht werden soll. das wird sportlich.

es ist auch nicht so, als würde sonst irgendetwas still stehen in meinem alltag hier. zwei mal in der woche lerne ich tanzen in einem studio in der stadt. issifuo ist einer der zwei verantwortlichen dort und macht regelmässig tanzkurse für kinder, so zuletzt auch für die im centre. so haben wir uns kennengelernt. jeweils anderthalb stunden versuche ich dann seine anmutigen bewegungen zu imitieren, was meistens noch ziemlich unbedarft aussieht und sich auch seltsam anfühlt. jetzt lerne ich plötzlich tanzen, mit 27, und mein körper ist das gar nicht gewohnt, der kennt doch nur fussball, und ich schäme mich etwas, wenn ich mich da hin-und herbewege, einfach nur so mit dem ziel, dass das gut ausschaut. das tor des studios ist zu einem kleinen platz geöffnet, an dem unter einem baum mehrere hütten stehen, wo die leute sich nachmittags ausruhen und quatschen. neuerdings dürfen sie dienstags und freitags auch den weissen da rumhampeln sehen. viele bleiben im vorbeilaufen stehen und starren mich an, manche grinsen nur und sagen yovo, courage !, oder so etwas. es ist wirklich ein gutes training für mich, scham abzubauen und meine wacklige präsenz feierlich vor mir herzutragen.

neben dem tanzen nehme ich – seit kurzem zum glück nur noch – einmal die woche am ewe-kurs teil, zusammen mit den anderen freiwilligen. am donnerstagabend gebe ich der cousine eines freundes deutschunterricht, was grossen spass macht, weil sie super motiviert ist und ich dabei auch mein französisch verbessere. zur hilfe nehmen wir ein altes lehrbuch, das sie mal irgendwo aufgetrieben hat. dann habe ich zusammen mit donald, der mit den centre-kindern das feld von iva bestellt und jedes jahr viel mit den freiwilligen macht, den garten vor unserer terrasse bepflanzt, auch dort regt es sich – kopfsalat, radieschen, karotten, gurken und schalotten werden hoffentlich bald aus der erde spriessen. ausserdem sind da ja noch die kinder, und die wollen nicht nur oft fussball spielen, sondern auch bei ihren hausaufgaben betreut werden, oder gitarre lernen. auf dem folgenden bild sieht man lasse, wie er bazile gerade einen griff zeigt. im moment bringe ich ihm charlie brown von coldplay bei, weil ihm das so gut gefallen hat, als ich das mal gespielt habe. mir gefällt das natürlich überhaupt nicht, weil coldplay natürlich gar nicht geht. aber diesen song habe ich, als ich in baziles alter war, irgendwie sehr gemocht, weil die musik so geheimnisvoll klingt, nach etwas verborgenem, das mit etwas verborgenem in einem selbst kommuniziert … ja! okay, ich mag diesen song immernoch, obwohl er kitschig und von coldplay ist, und jetzt lassen sie mich endlich in ruhe.

ich sage ihnen ehrlich, ich gehe gerade etwas unter, weil ich auf einmal ständig so viele menschen um mich herum habe, die gefühlt alle irgendetwas von mir wollen. dass ich mit in die kirche komme, mit ihnen zum wasserfall fahre, fussball spiele, hausaufgaben mache, oder was auch immer. aber jetzt reicht es mir irgendwie gerade und ich habe beschlossen, die dinge wieder mehr wie amandine hier anzugehen. denn es ist schön, wenn was los ist, aber so langsam komme ich an meine grenzen, was die erfüllung sozialer erwartungen an mich angeht. ich werde mich nun also mit meinem krafttier verbinden und ein paar leute enttäuschen, die mich streicheln wollen.

vielleicht haben sie ja glück und es gibt bald ein tanzvideo. und bleiben sie dran für mehr katzenfotos. auf bald!

5 Antworten zu „ça bouge…“

  1. Avatar von Claudia Ines Schweizerhof
    Claudia Ines Schweizerhof

    Super Beitrag. Danke!
    Tanzvideos wären echt genial zur Musik der Playlist😉
    Was für eine Herausforderung, unter den neugierigen Blicken der Einheimischen Tanzunterricht zu nehmen! Hut ab.

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  2. Avatar von Monika
    Monika

    Ich freue mich jedesmal über deine Beiträge, Joram. Deine Beobachtungsgabe und deine Gedankengänge in so wundervoll gewählter deutscher Sprache verpackt zu lesen, macht jeden Beitrag lesenswert. Ich bin gespannt auf Tanzvideos ;-).

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  3. Avatar von Myriade

    Ich finde den Tanzkurs auch sehr mutig ! Das ist wahrscheinlich so ähnlich wie wenn man als Nicht-Afrikaner zu einem Marathon antritt 🙂 Die Chance auf Lorbeeren ist sehr überschaubar 🙂
    Was Entspannung und Gelassenheit betrifft, ist dieses Krafttier natürlich kaum zu übertreffen. Außer es kommt eine Maus oder ein Vogel vorbei. So haben wir halt alle unsere Trigger.
    Trotz allem ist es sicher einfacher als einziger Weißer unter Schwarzen, auch wenn man sich möglicherweise heftig blamiert, als die umgekehrte Konstellation …

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  4. Avatar von Paija
    Paija

    Du schreibst nicht nur von Deinen Erfahrungen und Deinen Eindrücken, was an sich ja schon interessant wäre.
    Du schreibst in einem Stil, der beim lesen Spaß macht, der zum weiterlesen animiert und spüren lässt, dass du gerne schreibst .
    Ich würde sagen, das liegt Dir und da bist du im für Dich stimmigen Metier.

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    1. Avatar von lecrayonvert

      das ist sehr freundlich, vielen dank!

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