itutu und cola cola jazz

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5–8 Minuten

ich bin gerade etwas krank, ich spüre es im rachen, er ist aufgerauht. ausserdem merke ich es daran, dass ich irgendwie ängstlich-agitiert bin, als wollte mein körper der sich nähernden krankheit noch aus dem netz springen, bevor sie ihn endgültig in die fänge bekommt. ich finde keine ruhe, wälze mich hin und her bis mein laken sich von den bettkanten löst, fange an zu lesen, kriege kopfschmerzen, höre wieder auf, hole mir blatt und stifte und beginne zu zeichnen. eine figur, die aussieht wie fabian aus die wilde kerle. zumindest stelle ich mir ihn so vor. vermutlich sind wir beide gealtert, ich, und meine vorstellung von fabian, des schnellsten rechtsaussens der welt. überhaupt habe ich das gefühl, gealtert zu sein. wann ist das eigentlich passiert, dass ich und die meisten meiner freunde schon auf die dreissig zugehen? zusammenziehen, heiraten, all das. nächstes jahr werde ich sogar trauzeuge sein, wenn gott das erlaubt.

ich glaube, ich bin demütiger geworden. vor der welt. vor meiner gesundheit, meinen stimmungen, die lange nicht mehr so ausschlagen wie noch vor ein paar jahren, vor zwischenmenschlichen beziehungen, die mich laufend auf die probe stellen, vor allem, was ich erfahren und fühlen darf. in dieser demut versuche ich morgens aufzustehen, und abends einzuschlafen. das heisst nicht, dass ich nicht auch fluche und herumschreie, mich über kinder aufrege, die auf meinem beet herumtrampeln (wissen sie jetzt was ich meine, mit dem alter?!), über mitbewohner, die ihre haushaltsaufgaben nicht erledigen, oder freunde aus kpalimé, die sich für meinen geschmack etwas zu eifrig um den kontakt zu den freiwilligen bemühen. aber diese demut, die fühlt sich gut an. zu der möchte ich immer wieder zurückkehren.

bevor sie jetzt auf die idee kommen, diese erworbene demut hätte irgendetwas mit geschautem leid in afrika zu tun, möchte ich ihnen sagen, dass dies überhaupt nicht der fall ist. meine demut kommt woanders her. ausserdem sehe ich hier nicht viel leid. ich sehe harte arbeit, grazie, beharrlichkeit, anpassungsvermögen, improvisationstalent, gemeinschaftssinn und ganz viel humor. und die demut – neben einer art generellen dankbarkeit bedeutet sie für mich auch, sich abgrenzen zu können, von dingen, die man nicht ändern kann. ruhig zu bleiben, die meiste zeit.

ruhig, gelassen, selbstsicher und unerschütterlich sein, gegenüber dingen, die ausserhalb der eigenen macht stehen

dafür haben die yoruba (eine ethnische gruppe in nigeria, togo und benin) ein eigenes wort: itutu. unter diesem absatz hier habe ich ein sehr schönes video dazu verlinkt und es ist nicht so, als wäre das jetzt meinem aufenthalt hier geschuldet – genauso gut hätten sie dieses video auf youtube finden können – aber seit ich es gesehen habe, achte ich besonders auf mein itutu. und sie sollten das auch!

du bist immer gesund und stark!, hat maman therese noch gestern mittag zu mir gesagt, weil ich am sonntag mal wieder fufu gestampft hatte. bereits da dachte ich, dass das nur ein schlechtes omen sein kann, wenn jemand so etwas zu einem sagt. auf mich wirkt das jedenfalls so, dass ich dann direkt krank werde. jetzt werde ich mein schicksal annehmen, viel tee trinken und die zeit nutzen, um zu lesen: den roman cola cola jazz von kangni alem. ein début, das im jahr 2003 mit dem grand prix litteraire d’afrique noire ausgezeichnet wurde. mit viel witz und tempo erzählt der aus togo stammende autor von der begegnung der beiden schwestern heloïse und parisette, von der eine in frankreich und eine im fitkiven staat tibrava aufgewachsen ist. während heloïse sich in frankreich mit einer suizidalen mutter und einer quälenden lücke in ihrer biografie herumschlagen musste, erlebte parisette in tibrava sechzehnjährig einen horrorfilmartigen schwangerschaftsabbruch. als heloïse sich entschliesst, in tibrava nach ihrem vater zu suchen, beginnt für die beiden ein neues kapitel. alem schreibt so bildhaft, dass man das gefühl hat, einen film zu schauen. einen film, der immer wieder zu einem absurden fiebertraum verschwimmt und in seiner erzählweise stellenweise etwas zu bemüht um metaphern, etwas zu überladen an bildern daherkommt, sodass die schwere der themen einen nicht immer emotional erreicht. das liegt auch daran, dass die figuren selbst erzählen und in ihrer sarkastischen art eine distanz zu dem geschehenen herstellen. trotzdem ist der roman mit seinen geistreichen und drastischen beschreibungen absolut lesenswert, gerade wenn man ein wenig in die kultur tibravas eintauchen möchte.

kurz nach ihrer landung wird heloïse in der ankunftshalle des flughafens von einem zollbeamten aufgehalten. nach einiger zeit kommt ihr cousin koké ihr zur hilfe und reicht dem chef der zollstelle eine visitenkarte:

altes fleisch und fett, der chef. geht wie ein pokemon. herablassend. selbstgefällig. ergreift die karte mit widerwillen, als sollte er in den scheisshaufen eines pudels fassen. strengt sich enorm an und zeigt überdeutlich, dass er sich mühe gibt wie die brüder henaurme und sich herablässt, dieses stück scheisse eines blickes zu würdigen, dieses stück scheisse, dass seine männer nicht satt macht, auch nicht seine frau, auch nicht seine gören, immer wollen sie spielzeug, und auch die maurer auf seinen baustellen nicht. den lieben langen tag rufen sie ihn an: chef, der zement ist alle, chef, der sand ist alle, der baustahl auch, so stelle ich mir das vor. auf jeden fall voller verachtung, der chef, als gehe der modekatalog-abklatsch [der stets gut angezogene koké] ihm auf den wecker.

kurz darauf befinden sich cousin und cousine im strassenverkehr:

das auto überholte ein motorrad und hätte die drei passagiere beinahe unsanft in den graben befördert. ein komisches gespann: vorn am motorad ein dickes, schief hängendes bündel, vor dem fahrer ein sechs bis acht jahre alter junge, der auf einem benzinkanister sass, und hinter ihm eine frau monumentalen ausmasses mit einem kreuz aus knetmasse. in ihrer linken hand trug sie, wie um die karre im gleichgewicht zu halten, hühner und enten, an den füssen gefesselt, und in ihrer rechten hand ich weiss nicht was. « ein moped-taxi », erklärte der cousin. « es gibt sie in der stadt, seit sich die krise verschärft hat ».

welche krise?, fragt man sich. wahrscheinlich meint koké hier die massenproteste und generalstreiks anfang der 90er, in denen die menschen für ein parlament und freie wahlen auf die strasse gingen. aufgrund von strassenkämpfen, -sperren und kontrollen durch die übermächtige armee des militärdiktators gnassingbé eyadéma, konnten weder öffentliche noch private fahrzeuge die stadt durchqueren, was zu einem rapiden anstieg an moto-taxis führte. mit ihrer geringen grösse und handlichkeit, die sie auch unebenes gelände abseits der strassen passieren liess, konnte mit ihrer hilfe der personen- (und waren-) transport weiterhin aufrechterhalten werden. (https://journals.openedition.org/echogeo/13080#ftn3)

mein chef in der presseagentur, honoré, hat mir eine aufgabe gegeben. ich soll mich auf themensuche begeben, denn bald, da werde ich ein dossier schreiben, über mehrere seiten, ein dossier, das dann nach lomé geschickt wird und vielleicht sogar… gedruckt? das habe ich nicht ganz verstanden. jedenfalls suche ich. haben sie einen idee? vielleicht etwas zu moto-taxis? oder liegt das zu sehr auf der hand? wir werden sehen. ausserdem möchte er mich, warum auch immer, dem präfekten vorstellen. das wird spannend! aber jetzt werde ich mich erstmal wieder hinlegen, lesen, vielleicht mal nach dem garten schauen. ich hoffe sie haben es alle gut im herbst (hier beginnt jetzt die trockenzeit, mit regelmässig über dreissig grad) und das nächste mal, wenn die deutsche bahn mal wieder verspätung hat, was ja unser aller lieblingsthema in deutschland ist, denken sie dran: itutu.

2 Antworten zu „itutu und cola cola jazz“

  1. Avatar von Karin
    Karin

    Itutu…. 😄

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  2. Avatar von Christian Bolz
    Christian Bolz

    Ich mag dieses Itutu! Werde daran arbeiten!

    Gefällt 1 Person

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