baggage

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9–14 Minuten

durch die türe meines büros, welche ich stets offen lasse um den kühlenden windzug nicht zu missen, der sanft hindurchstreift, dringt immer auch der lärm der strasse, welche zum grand marché führt. der grand marché. (auch château genannt): ein beispielloses gewimmel.

fliegende hände, wehender stoff, leuchtende farben, reife tomaten, schaukelnde stände, hier und da zoff. starkes odeur, gebratene fische, gestapelt auf tische, zergehende früchte, summende fliegen auf saftigen rippen, die knallende sonne und immer vekehr – durch nadelöhrgassen und menschen in massen das hupen und stauben der eisenkarkassen – tönt übers offene meer. und ganz mittendrin, im herz des getümmels, ein schlafendes kind auf den rücken gewickelt, wippt durch die wogen daher.

der markt an einem sehr ruhigen freitagvormittag

ananas, orangen, avocados, bananen, zwiebeln, bohnen, mais, erdnüsse, ingwer, kurkuma, bissap-saft, soja und piment und dann plötzlich – ein bekanntes gesicht: die frau von der boutique an meiner strassenecke! sie ist eine beninoise – was ich besonders toll finde, weil benin ja mein erster kontakt zu westafrika war. eine zeitlang, kurz nachdem ich die parasiten hatte, konnte ich dieses weiche weissbrot nicht mehr essen, das wir jeden morgen vom centre bekommen. wenn man einmal erlebt hat, wie dieses brot in verflüssigter form fontänenartig aus einem herausschiesst, wie aus den düsen der wasseranlage des kurparks braunlage im harz, dann denkt man anders über das leben nach. und über die ernährung. in dieser schwierigen zeit also, griff ich morgens auf kekse zurück. kekse und schwarztee – keine schlechte mischung. es verhielt sich dann so, dass ich bestimmt zwei wochen lang jeden morgen noch im halbschlaf hinüberlief zur boutique an der ecke, um dort meine tägliche dosis hafergebäck zu erstehen. das ging so weit, dass die frau, cool und unangestrengt – ich wette sie hat das itutu kanisterweise in sich hineingegossen oder ist als kind in einen topf, bis zum rand voll mit diesem zeugs, gefallen. wie zum teufel erwirbt man das nur? gibt es einen retreat-center am fuss des mittelgebirges, mit nur an diesem ort existierender, den geist beruhigender plateau-luft, die wie ein nebliger föhn langsam den bergrücken hinabwallt? ein ort, wo man sich zum festpreis von vierhundertfünfzig euro für zweienhalb tage und fünf mahlzeiten einmieten kann, um am ende eines erweckenden seminars ein aufwändig gestaltetes zetifikat in den händen zu halten, als unbedingten beweis dafür, dass man es nun besitzt, das itutu .. ? – cool und unagestrengt also… , griff sie bei meinem erscheinen irgendwann nur noch kommentarlos hinter sich, um mir die zwei packungen meiner bevorzugten keksmarken zu reichen, während ich ebenso stumm die zweihundert francs dafür auf den tresen legte und ohne nennenswerte verabschiedung, schickten wir uns gegenseitig dem anbrechenden tag entgegen. diese allmorgendliche, ritualisierte und stumme interaktion hat uns jedenfalls auf magische weise miteinander verbunden und so grüssen wir uns seither immer freundlich wenn wir uns sehen – was oft der fall ist, weil ich, wie ich glaube, zwischenzeitlich limonadensüchtig geworden bin. bonjour madame – bonjour monsieur. ganz klassisch, so mögen wir das. ausserdem verkauft sie erdnüsse in winzigen, zusammengeschnürten plastiksäckchen, fünfundzwanzig francs das stück – vier cent entsprechend. dreht mein kopf sich auch nur leicht nach links, wenn ich vor ihr am tresen stehe, nach links wo die box mit den erdnusssäckchen steht, kommt schon ein leises c’est fini. sie ist olga, ich bin kwiatkowski – sie kennt meine bedürfnisse bereits in- und auswendig. es sind nicht etwa milch und carpenters chewing gum (heute fällt mir der pädagogische wert dieser speziellen vorlieben auf), es sind natürlich fett und zucker. willkommen in der erwachsenenwelt. ich traf sie also dort, die dame, weil natürlich auch sie samstags auf dem grand marché die waren für ihren laden einkauft – zum händlerpreis. ein verschwörerisches nicken, eine beiläufige frage beim nächsten besuch, ob sie auf dem markt alles bekommen hat was sie brauchte, und schon ist es um eine episode reicher, unser so erfrischend förmliches verhältnis. manchmal schläft sie auch auf einer holzbank wenn ich vorbeikomme, dann möchte ich sie eigentlich gar nicht stören. und dann möchte ich aber auch diese eiskalte limonade aus ihrem kühlschrank haben, doch bevor ich verlegen bonsoir madame hüsteln kann, hat sie meine notleidende anwesenheit schon bemerkt und setzt sich voll gleichmut und gelassenheit in bewegung, den betrag für meine dritte youki des tages abzukassieren. aufgrund meines ausufernden konsums zuckerhaltiger kaltgetränke, habe ich im übrigen bereits ärztlichen rat konsultiert – ein paar aus deutschland ist zu besuch gekommen. vor elf jahren war der mann hier freiwilliger – im solidarité. nun ist er arzt und als tourist hier. ob sie schon damals die louis vuitton-brandschutzdecke dort hängen hatten, kann er mir nicht beantworten, doch wegen der limonade müsse ich mir keine sorgen machen, die energie würde ich hier brauchen. guter mann. das höre ich gerne und aus irgendeinem grund muss ich gleich darauf an den hausarzt der buddenbrooks denken: strenge diät! ein wenig taube – ein wenig franzbrot…

die boutique

eines abends laufen wir den langen, sich schlängelnden weg hinunter zur strasse, die unser viertel – das quartier des etoiles oder auf ewe aga ochi gome (= unter dem ochi baum – nageln sie mich nicht darauf fest) – mit der innenstadt verbindet. auf dem weg haben wir donald abgeholt und seinen kleinen cousin elvis. die luft ist warm, aber es geht ein angenehmer wind, der meine füsse in den offenen sandalen streift und auch meine haare, die immer länger werden. an einer ecke schliessen sich uns noch ein paar freunde von donald an, sodass auch wir immer länger werden und uns zerfasern in den lichtern der motos, die an uns vorbei preschen wie entfesselte jahrmarkt-boxautos, mit ihren blaurot, gelb und grün blinkenden schweinwerfern. he! geht ein stück zur seite da vorne!, ruft jemand von hinten. ein paar von uns laufen zu nah am friedhof vorbei, der friedhof, wo nachts die obdachlosen schlafen und einen durch magische tricks manipulieren können, was auch immer zu tun. das erzählt man sich. die gefahr scheint wenigstens real, von aus den überwucherten gräbern zur strasse schnellenden händen ergriffen und in die unübersichtlichen, hinteren gefilde des gottesackers gezerrt zu werden, wo das schwache licht des nebenan betriebenen krankenhauses nicht mehr hinreicht.

elvis erzählt mir, was er alles weiss. zum beispiel die fläche togos in quadratkilometern, oder die einwohnerzahl. er erzählt mir noch viel mehr, aber es ist nicht leicht für mich, ihn zu verstehen, weil er so leise spricht und ich mich immer zu ihm hinunterbeugen muss. den ganzen weg bis zur boutique seines grossvaters unterhalten wir uns. ich erzähle ihm, was ich hier mache, dass ich immerzu ins rathaus gehe und wichtig aussehenden menschen zuhöre, die sagen: mesdames et monsieurs, monsieur le maire, monsieur le préfét, chers invités, je voudrais vous remercie pour votre présence à la quatrième édition du session ordinaire municipal de kloto 1, qui montre vraiment votre engagement exceptionnel pour notre commune. bla bla bla. da muss er kichern, der kleine elvis. er selbst möchte arzt werden, sagt er, dann kann er leuten die krank sind immer gleich helfen. da drüben, das ist die boutique meines grossvaters! und da, da kann man videospiele spielen! – das machen wir mal zusammen, sage ich. dann kommt donald, hebt elvis auf seine schultern und so laufen sie eine weile vor mir her, der grosse und der kleine cousin. donald nimmt ihn oft mit, egal wo er hingeht – auf das feld zum arbeiten, oder in die stadt zum ausgehen. so auch heute. er bietet ihm von seinem casavino an, seinem lieblingswein im bordeauxroten tetrapak, was mich einigermassen schockiert – also wirklich, wein aus dem tetrapak – aber elvis möchte keinen casavino trinken, er möchte einfach nur dabei sein. und eis essen! milch, couscous, zucker und eiswürfel in einer plastikschüssel – das klingt nicht besonders italienisch und das ist es auch nicht, gleichwohl schmeckt es ganz gut, besonders mit der geheimzutat: erdnüsse. für die knusprigkeit. schon in der eisbar wird ein bisschen getrunken und getanzt, danach brechen wir auf zu einer kleinen draussen-disco und irgendwann landen wir dann noch in der guten alten happy life bar, als spät schon zu früh wird – den kleinen elvis immernoch im gepäck. enutsi ko nawa?- ao. (bist du müde? – nein). lieber noch ein eis vom vorbeifahrenden fanmilk-mann, diesmal ohne couscous. die quietschhupe verstummt als er uns sieht und er kommt auf seinem weissen fahrrad, mit der dicken vor den lenker geschweissten kühltruhe, zu uns herüber geradelt. der heimweg ist beschwerlich und lang. als wir die schlangenlinie erreichen, möchte ich mich am liebsten auf den boden legen. aber einer, der ist wirklich fix und alle. die ganze nacht hat er mitgemacht. ich laufe über hügel und gruben, stöcke und steine auf dem weg, laufe und laufe – und irgendwie trage ich gerade mich selbst nachhause, den kleinen jungen, dessen griff um meinen hals sich immer wieder lockert, jedesmal wenn er wieder einnickt auf meinem rücken, der kleine elvis.

ein kind auf dem rücken – hier grâce, bei einer feier im centre

hier krank zu sein, ist wirklich unangenehm. schon wieder musste ich ins krankenhaus – nervig. eine infektion: mit schlappheit, kopfweh, schnupfen und schlimmem husten. ich glaube ich mache einfach zu viel. mein chef hat mich dort besucht, eine grosse ehre. und danach sind josi und ich pizza essen gegangen, einfach so. und eis haben wir gekauft und am nächsten tag, ich schwöre es ihnen, da habe ich mir bei google play für zwölf euro einen film gekauft, weil ich den unbedingt schauen wollte und es mir einfach richtig egal war, wie absurd das auf die togoer wirken muss, die ihre taschentücher in zwei hälften reissen. schokolade habe ich mir auch gekauft. und irgendsoeinen ingwersaft und kekse und damit bewaffnet habe ich mich in mein bett vergraben und immer ‚non!‚ gerufen, wenn jemand geklopft hat. meine moral war so richtig unten. morgens bin ich aufgestanden und in der prallen sonne der sich nähernden trockenzeit durch das viertel geschlichen, auf der suche nach irgendeinem aufstrich für mein brot – habe nichts gefunden, bin wieder zurückgekehrt und habe es trocken gegessen, mit pfefferminztee dazu bei dreissig grad und habe mich gefühlt, als würde mir die mentale kraft fehlen, wieder gesund zu werden. (das bewog mich dann zu meinem dekadenz-einkauf in der tankstelle). manchmal, davon bin ich überzeugt, muss man einfach genau das tun, was man will. und dann denke ich nicht daran wie priviligiert ich bin oder fühle mich schuldig, weil ich mir an einem nachmittag eine tafel schokolade reinziehe. ich mache die packung auf, glotze den zwölf euro-film, und esse ein rippchen nach dem anderen. ich bin doch keine gottheit.

ausserdem gönne ich ja nicht nur mir. trotz meines gewöhnlichen, absolut abscheulichen egozentrismus (wie kann man es wagen, das fenster durch das man in die welt blickt, als zentrum derselben wahrzunehmen), habe ich ein paar kids colas gekauft, natürlich in der boutique. davor sitzt eine dame auf ihrem moto, die beine auf dem boden abgestellt. wie wir hinauslaufen, nimmt sie dem kleinen sami die flasche aus der hand und sagt zu mir, sie würde auch eine nehmen. meint sie das jetzt ernst? ja, ich soll dem kleinen sami doch einfach noch eine kaufen, weil das jetzt ihre ist. ich weiss schon, die weissen haben geld und bla – ich weiss das doch, aber das kann doch nicht heissen, dass ich mich bei jeder gelegenheit ausnehmen lassen muss wie eine dorade. ich darf doch selber entscheiden, wen ich wann zu etwas einlade und ich glaube, ich mache das oft genug. ich werde wütend, gehe auf sie zu, nehme ihr die flasche wieder weg und gebe sie dem überforderten sami zurück. dann schauen eben alle blöd. am nächsten tag erzähle ich donald von dem vorfall. er sagt, er kenne die frau, sie mache dies öfter mit den kindern – es sei ein scherz. sie wolle schauen wie sie reagieren. na toll.

sobald ich wieder fit bin, gehe ich das feld von donalds papa besuchen. er ist nicht wirklich donalds vater, aber donald nennt ihn so. seit seiner jugend arbeitet er mit ihm, auf den unzähligen feldern zwischen kakaobäumen, mangroven und kokospalmen, wo sie mais anbauen, salat, gurken, piment und noch viel mehr, je nach jahreszeit. frédé hat mich zu den feldern geführt und jetzt giessen wir die leeren abschnitte, wo am nächsten tag die kleinen salätchen eingebuddelt werden sollen, die zuvor auf einem feld daneben dicht an dicht grossgezogen worden sind. papa hat sich das handgelenk verstaucht, deshalb nehme ich seine gummistiefel und steige immer wieder in den kleinen bach nebenan, um die zwei blechgiesskannen aufzufüllen. eine reiche ich frédé und zusammen giessen wir jede zeile, je zweimal. für donald ist das alles nichts, der ist schon seit fünf uhr in der früh hier und schwenkt die giesskannen mit der leichtigkeit eines profis. wenn er merkt, dass er krank wird, trinkt er ganz viel wasser und arbeitet extra hart, um die krankheit auszuschwitzen. und das funktioniert?, frage ich. ja, das funktioniert, sagt er lachend über meine ungläubigkeit, ausserdem könne man viel mit kräutern machen oder ingwer. aha.

ich jedenfalls schwitze allem anschein nach die limos der vergangenen tage aus, meine haut wird gebraten von der mittagssonne, dünstet all den zucker und das fett der erdnüsse aus, und wenn ich irgendwo noch ein fünkchen krankheit in mir trage, so wird auch dieses hinfortgeschwemmt, mit dem strom meiner transpirationsfüssigkeit. entschuldigen sie bitte. nach einer stunde bin ich platt und lege mich mit frédé kurzerhand in den bach. das wasser zieselt angenehm um die füsse und den kopf herum. zuhause angekommen, bin ich seit langem mal wieder richtig zufrieden.

6 Antworten zu „baggage“

  1. Avatar von Karin
    Karin

    Soviel itutu!
    Einfach schön zu lesen, wie es dir ergeht in Togo.
    Ganz liebe Grüße aus dem verregneten Deutschland.

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  2. Avatar von Ines
    Ines

    Hi Joram
    Danke für den bunten Blumenstrauß von Eindrücken. Dank deiner guten Beschreibung kann ich mir alles genau vorstellen….glaube ich jedenfalls.
    Übrigens haben wir dich bis du 3 Jahre alt warst beim Wandern wenn du müde wurdest immer auf dem Rücken im Tuch getragen.
    Muttergrüsse aus Hausen Nord

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  3. Avatar von Myriade

    So ein schöner poetischer Text, voller intensiver Sinneseindrücke, inklusive schlecht verdautes Weißbrot 🙂

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    1. Avatar von lecrayonvert

      oh vielen lieben dank, myriade! ja.. es bleibt einem ja sonst nichts, ausser sie sich schön hinzuschreiben, die sinneseindrücke 😄

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      1. Avatar von Myriade

        Ist gelungen 🙂

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  4. Avatar von Jürgen Bootsmann

    Lieber Joram! Dein Bericht nimmt mich mit in eine ganz andere Welt und lässt mich träumen. Danke für deine Worte die noch in mir nachklingen. Hier im nassen November vom Wiesental tut es gut etwas anderes aufzunehmen. Herzliche Grüsse aus der Bergwerkstrasse! Jürgen

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