um die erfolgsschancen unseres projektes zu erhöhen, war es unverzichtbar, dem dorf des vaters von donald einen besuch abzustatten. kovie – eineinhalbstunden motofahrt, 20 km vor lomé – dort sollten einige gebete vollzogen werden, um uns und unser feld vor feinden zu bewahren. ursprünglich war eine zeremonie von über 80.000 francs angedacht, welche donald und ich jedoch ablehnten – so viel ist der spirituelle schutz dann doch nicht wert. aber ein bisschen eben schon, denn mit voodoo, da sollte man nicht spassen, wie mir hier immer wieder erklärt wird und so langsam merke ich, dass viele leute hier das nicht einfach nur so sagen, sondern tatsächlich daran glauben. wieso? weil die nachbarstochter plötzlich gestorben ist an irgendetwas, das sich in ihrem bauch befand – das ergebnis eines fluchs; …weil der alte vom dorf humpelt, seitdem er auf dem weg zum feld über eine mit schwarzem puder gezogene linie geschritten ist. wenn man sie berührt, stirbt man. es ist seltsam und wissen sie was, ich möchte auch gar nicht so viel darüber erzählen. einerseits, weil ich keine persönliche verbindung dazu habe, also nichts darüber weiss und dementsprechend aus respekt vor dem glauben anderer die klappe halte. andererseits ist da auch ein teil – ein teil, gegen den ich mich als skeptiker natürlich scharf wehre – der sich nicht den zorn einer obskuren macht einhandeln möchte; ein teil, der sie zumindest nicht herausfordern will. ich habe dazu folgende theorie: im grunde sind wir ja alle sehr fragile wesen, was unser bewusstsein angeht. einige von uns haben psychosen, wahnvorstellungen oder ähnliches erlebt. schuldwahn, verfolgungswahn, was auch immer. und ich glaube ich bin so einer, wenn ich jetzt hergehe und ganz brüsk und stolz in die welt schreite und voodoo als schwachsinnig erkläre, schwarzes puder vom boden kratze und mich über alle möglichen, vermeintlichen gesetze hinwegsetze, holt mich heimlich schleichend ein schuldgefühl ein, das sich in meinem kopf einnistet, bis ich beginne anzeichen dafür zu sehen, dass voodoo existiert und ich mich schwer schuldig gemacht habe. mit meiner ablehnenden, despektierlichen haltung ihm gegenüber, habe ich es praktisch erschaffen, verstehen sie? es ist nicht so, dass die dinge von sich aus existieren, aber sie existieren (für uns), weil wir daran glauben, oder eben ganz feste nicht daran glauben. davon bin ich irgendwie überzeugt. deshalb bin ich ganz ganz vorsichtig, was ich so an glaubenssätzen in mein bewusstsein hineinlasse. ich weiss nicht, wie sie das jetzt finden. ich bin kein spiri, ich glaube es ist alles psychologie bzw. bewusstsein, aber ich glaube auch, dass dieses eine macht hat, die für die begriffe vieler ins spirituelle hineingeht.
so jetzt ist es aber gut, ich bin nicht die brigitte. also: kovie. ein dorf mit rund 6000 einwohnern, lauter niedrige stein- und lehmhäuser mit blechdächern. wenn alles niedriger gebaut ist, zieht es sich auch länger und so laufen wir sehr viel hin- und her, denn: wir müssen natürlich alle möglichen leute begrüssen, angefangen mit donalds vater natürlich, zutaten beschaffen, hauptsächlich sodabi (palmschnaps) und irgendwelche kräuter und dann müssen wir dem priester in einer audienz um die genannte zeremonie bitten. eine zeremonie, die – natürlich – im morgengrauen stattfinden muss, deshalb sind wir seit dem späten nachmittag da und bereiten alles vor, während donalds tante reis mit, welche sauce war es noch gleich?, kocht. mittlerweile esse ich wirklich alles. auch glibschiges und so, ich weiss auch nicht. ich tu’s einfach. und es war soo lecker. donald sagt, auf dem dorf können die leute besser kochen. vielleicht stimmt das ja.
wir schauen bei vier oder fünf verschiedenen familien vorbei, jede familie hat dieselbe schmale holzbank, auf die wir uns zunächst setzen, um uns im nächsten augenblick wieder zu erheben und mit den knien in richtung erde zu beugen. wie geht’s? wie geht’s dem haus, den kindern, der einsamen kakerlake unterm dach? es geht gut und dann sitzt man wieder gerade und dann kommt auch schon der sodabi, der randvoll gefüllt wird, auch wenn man vide vide vide (ein bisschen) sagt; dann musst du eben vide vide vide trinken, heisst es dann und am ende schluckst du ihn ja doch herunter und dann wird’s dir warm und du wirst ein bisschen locker und irgendwie ist das ja auch total lustig und absurd, was du da gerade erlebst und jetzt spürst du es gerade, dieses surreale, das du vermisst seit deiner jugend, seit du aufgehört hast zu kiffen, dieses gefühl der unendlich- und uneindeutigkeit. diese seltsame distanz, die du zu dir selbst als ich aufbaust und du existierst nur noch als beobachter, als jemand der mitschwimmt, mit zwei fremden gestalten, dessen lebensgeschichten und denkweisen du nicht im ansatz begreifen kannst. und doch lauft ihr zusammen den weg hinauf, zum nächsten schnaps, du, dein toglesischer freund und sein humpelnder vater, und scherzt und lacht in die bereits heraufgezogene nacht hinein.
ihr esst und dann ist es auch schon mitternacht, ihr müsst euch ausziehen und mit dem kräuterwasser übergiessen, davor hast du deine ahnen gebeten, dein projekt zu segnen. wer sind denn meine ahnen?, hast du dich mit deinem – von all den kurzen – leicht schwerfälligen gehirn gefragt. bis sie dir nach und nach eingefallen sind und ihre gesichter vor dir aufgetaucht. ob man in so einem zustand überhaupt ernsthaft beten kann? du versuchst so gut wie es geht, irgendetwas zu spüren, ausser den dumpfen gedanken des vernebelten bewusstsein auf deinen schultern. du murmelst ein paar wünsche und dann kippst du den rest des wassers auf die strasse und der vater krümelt irgendetwas in die pfütze hinein, was dann angezündet wird und funkt und aufzischt – die bitte wurde angenommen. uroma klappi, uropa august, opa reinhold, oma annemarie, sie alle scheinen mein vorhaben zu billigen, wenn auch erst nach dem vierten versuch. aber ist das nicht irgendwo auch eine glückszahl? ich schmunzle bei dem gedanken, dass sie ja vielleicht gerade auf mich herabsehen, auf ihren betrunkenen, nackten urenkel in togo, der im begriff ist, sein hier gekauftes land vor schwarzer magie zu beschützen.
ich erzähle ihnen hier viel zu viel, wir sind ja nicht mal beim du. aber irgendwie ist das auch egal. also nachdem das vorbei ist, gehen wir noch auf die piste, ich und donald, irgendwie haben wir jetzt bock, nach all der ernsthaftigkeit ein wenig, äh, dampf abzulassen, nennt man das wohl. wir sind da also in irgendeiner dorf-draussen-disco, die jungs haben die hosen auf halbmast und die mädels schauen maximal gelangweilt in der gegend herum. das können sie wirklich gut, gelangweilt schauen. und so, als würde nicht mal der einschlag eines meteoriten sie aus dieser lethargie befreien. aber natürlich würde er das und eigentlich würde ich das sogar auch gerne tun, wie ich merke, aber jetzt hier aufzustehen und herumzuhampeln, das ist dann am ende doch einfach nicht mein stil. um zwei uhr liegen wir im bett von irgend so einem typen, der uns netterweise ein zimmer angeboten hat. ich habe uns dort hin gefahren, durch die rabenschwarze landschaft, an den schlaglöchern und lauten grillen vorbei. um fünf uhr klingelt der wecker und wir quälen uns hinaus, ich kaufe ein weissbrot, das wir uns auf dem weg zum vater schweigend teilen. dann geht’s auf zu dem priester, es ist noch nicht mal wieder richtig hell, da bin ich schon wieder oberkörperfrei und halte einen sodabi in der hand, und dann einen gin, und dann eine limonade, weil es das ist, wonach es die ahnen dürstet. einen teil giesse ich auf den boden, einen teil in mich hinein und schon wieder wird es warm. ein bisschen wie auf einem festival komme ich mir mittlerweile vor. irgendein total durchgeknalltes, im brandenburger wald vielleicht. die sonne blinzelt langsam durch die palmzweige und wir bücken uns alle, um in den dunklen, niedrigen raum zu kommen, wo sich der altar befindet. sehr viele flaschen stehen da und ein steinerner minialtar und eine menge zeugs, an das ich mich nicht erinnere. der priester wedelt und bittet und der vater bittet auch und donald und ich, wir hören zu und tun, was uns gesagt wird. knien, grüssen, bitten, trinken, schütten, danach aufstehen und den kopf ein bisschen drehen, weil man zu schnell aufgestanden ist und dem kleinen jungen zuzwinkern, der da in pagne eingewickelt vor dem angrenzenden zimmer auf der schwelle liegt und lächeln muss, als er dich zwinkern sieht.
als wir dann endlich gehen, sind alle traurig und gleichzeitig überhäufen sie uns mit wünschen und ach, wir dürfen ja auch noch gar nicht gehen, sondern müssen erst noch essen, sonst haben wir ein grosses problem mit tanty und wer kann das wollen. wir essen also und was beim essen nicht fehlen darf, ist der sodabi, der auf einmal auf dem tisch steht und abermals unsere gesichter zerspringen lässt, wie heinz helle es einmal so wundervoll beschrieben hat. ein letztes mal, bevor man uns befreit und wir uns auf den sattel schwingen, den zerfransten ledersattel der rostigen sanya, die nicht so schnell gallopiert wie die haojue, dafür aber mehr tragen kann.
ein paar tage danach fahren wir wieder am grossen m vorbei und diesesmal fotographiere ich es. wir stehen auf unserem land, zu zweit – endlich haben wir es geschafft. da stehen die grenzsteine, donalds name steht drauf. er lässt es sich nicht anmerken, vielleicht denkt er auch gar nicht darüber nach, aber ich weiss, dass er stolz ist, genau so wie ich weiss, dass er es sich nicht richtig erlaubt, stolz zu sein, solange die arbeit noch keine früchte getragen hat, keine lilalen mit zahlen drauf. solange es nicht er selbst ist, der bezahlt. er hasst das. ein guter bruder führt seinen bruder zu ’ner tür. megaloh hat das mal gesagt und ich habe keine ahnung, woher er das hatte, aber immer wieder muss ich daran denken.

wir fangen an zu arbeiten, stürzen uns ins dickicht mit den coup-coups, säbeln faustdicke stämme weg wie zahnstocher und schneiden fest verwurzelte grasbüschel aus der erde, hacken die palmzweige ab – ein harter schlag, ein wenig schräg geneigt zu ihrem verlauf. nach eineinhalb stunden habe ich überall blasen an der rechten hand und mache mit der linken weiter. ‚wir müssen handschuhe kaufen‘, sage ich. ‚du musst dir handschuhe kaufen‘, sagt donald grinsend, nachdem er meine hand sieht. natürlich ist er diese arbeit gewohnt. es ist regelmässig, wie sagt man – humbling – zu sehen, wie er mich beim arbeiten in die tasche steckt. aber was solls, ich gebe mein bestes und das weiss er auch. als es schon dunkel ist, gehen wir zurück. unser feld hat eine ziemlich bizarre form, es ist unwahrscheinlich dünn, vor allem in der mitte, und dabei sehr, sehr lang. an den beiden enden hat es ca. 40 meter.

wir laufen zu unserem nachbarn. vor einer woche, als wir mit dem landvermesser da waren, haben wir ihn schon kennengelernt. ein freundlicher mann. ich nahm an, dass er dort alleine wohnt mit seinen perlhühnern und ziegen, seinem baumwollfeld und den zwei hunden, aber jetzt sind da noch seine frau und seine tochter und erstere fragt, wo wir so lange geblieben sind, sie hat uns etwas zu essen gemacht und in unser zimmer gestellt. path mit sauce gboma. aber zuerst duschen wir, die tochter macht uns dafür wasser über dem feuer heiss, das hätte ich hier wirklich als letztes erwartet. es gibt nichts ausser den weiten himmel und bäume und büsche und alle paar kilometer ein paar hütten. die gastfreundschaft haut mich wirklich um und die stille auch. ich mag es hier. wir gehen früh schlafen auf einer bastmatte und donald sägt abnormal, aber als ich mir das letzte vergammelte ohropax-wachs in den gehörgang schiebe, hört er plötzlich auf, na klar. ich schlafe gut und wache früh auf, die hühner kommen ständig bei uns rein und eine katze miaut, ohne dass ich zuvor eine gesehen hätte, donald schleift die coup coups und ab geht’s. irgendwann um zehn uhr dreissig kommt plötzlich die tochter und bringt uns mittagessen. ich fasse das einfach nicht. sie kommt da so angelaufen mit einer grossen schüssel auf dem kopf, mit zwei töpfen darin und stellt sie vor uns hin. wie nett kann man sein…
so, hier mache ich mal schluss. ich habe noch einige fotos vom feld – die finden sie in der foto-galerie auf der startseite. bis dann!


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