abc-etüde: augenhöhlen

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1–2 Minuten

die abc-etüden sind ein format der bloggerin christiane, bei denen man aus drei vorgegebenen wörtern einen text bastelt, welcher die anzahl von insgesamt 300 wörtern nicht übersteigen soll.

dieses mal: abendbrotheimatlosauszeichnen

die deutsche heimatlosigkeit, da sieht man sie im bildschirm flimmern, in den gesichtern der hitparaden-zuseher auf videoaufnahmen der 70er jahre. das verzweifelte verlangen nach unterhaltung, die kollektive verdrängungsmaschinerie nach amerikanischem vorbild – des richtigen schirmherrs zur richtigen zeit, der hilft, die in sich entdeckte schuld, die nackte grausamkeit des mordens bis weit hinter die augenhöhlen zu verbannen – der hilft, sie wie automatisch in der kammer mit der blümchentapete zu verstauen, neben dem bügelbrett, und dem staubsauger mit dem defekten deckel über dem beutelfach. und so modrig wie es bei oma gerochen hat, im keller, wo das gästebett stand und die alten bücher, in denen es um das gute ging und um die unschuld – die schwedischen und erich kästner -, so roch es vermutlich überall im land zwischen bergen und meer: nach einer penibel gewaschenen, einbalsamierten und mit feucht gebügelten klamotten aus dem otto-katalog gekleideten, verwesenden leiche.

wurst und käse auf dem drehteller zum abendbrot und diese schwere, die von altem, dunklen holz ausgeht, dieses bestimmte streben nach dem gutsein, das wir in uns haben, war natürlicherweise etwas leise und zurückhaltend, selbstbezogen, auf das heim, die provinz im äussersten. hierzulande hatte man angst vor der extase – vor dem, was sie hervorbringen würde. es war die arbeit, zu der man sich hinwand, das holz für morgen musste geholt werden, und für die ungeliebten mussestunden, da gab es dann: die hitparade.

fromm und gescheit will man sein, und sich ausgezeichnet wissen, in was auch immer, man muss glänzen und nach flieder riechen über der innerlichen fäulnis, die die kinder nicht sehen können, aber spüren, als betäubten willen, heimatlos, geschäftig um die mitte kreisend, welche die 68er so fanatisch suchten, als spiritualität noch links war. jene fäulnis hinter der zuschauerstirn im zweiten, mit dem man besser sieht, nur was?

sind es visionen, empfehle ich einen arztbesuch.

6 Antworten zu „abc-etüde: augenhöhlen“

  1. Avatar von puzzleblume
    puzzleblume

    Guten Morgen.

    Es ist interessant, wie du die Spiessigkeit mit ihrer Sehnsucht nach dem Guten und dem Gleichmass mit sprachlicher Raffinesse beschrieben hast.

    Da ich in dieser Runde die Wortspenderin bin, nehme ich mir die Freiheit, in diese Anerkennung zwei Wermutstropfen der Etüdenregeln zu träufeln, denn in diesem mit 307 Wörtern eine Spur zu langen Text mit der so gut hineinpassenden Formulierung „sich ausgezeichnet wissen“ versteckt sich „auszeichnen“ auf adjektivisch genutzte Weise, statt, wie gegeben, als Verb. Ansonsten: Chapeau!

    Einen schönen Tag wünscht

    Puzzleblume

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  2. Avatar von lecrayonvert

    hallo puzzleblume,

    du hast recht! danke für den hinweis… habe gerade nochmal das kleingedruckte gelesen.. was die länge betrifft, welchen wörterzähler benutzt du?

    grüsse!

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  3. Avatar von Christiane

    Hey, moin! Du bist auf keinen Fall spät oder gar zu spät, das nur mal vorweg. Was den Zeichenzähler angeht, so muss ich den wohl noch ins Kleingedruckte aufnehmen: Ich selbst zähle normalerweise mit Word, was Gedankenstriche als Wörter zählt, aber Word nutzen nicht alle, daher werde ich den gleichen Zeichenzähler online angeben, den auch Grinsekatz für die Drabbles verwendet: https://zeichenzähler.de/de/ Nach dem wärst du jetzt genau auf 300 Wörtern, falls du nichts gekürzt hast.

    Guter Text, kann man nicht anders sagen, liest sich sehr faszinierend, aber ich muss sagen, dass ich mich in der Beschreibung der 70er überhaupt nicht wiederfinde. Aber speziell den letzten Absatz plus den letzten Satz, die finde ich richtig klasse.

    Danke dir, schön, dass du mitschreibst.

    Vormittagskaffeegrüße! 😉

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    1. Avatar von lecrayonvert

      alles klar, vielen dank! laut regelwerk müsste ich noch das wort auszgezeichnet ändern, aber irgendwie bringe ich das nicht übers herz und hoffe auf neulings-bonus.

      was den inhalt betrifft: ja… das ist wohl gut so, wenn du dich da nicht wiederfindest. es soll auch kein realitätsgetreues bild der damaligen zeit sein (ich war ja auch gar nicht dabei), sondern einige aspekte aufblasen, die mir zur ‚deutschen heimatlosigkeit‘ eingefallen sind.

      ein begriff, den helmut schmidt irgendwann ohne weitere erklärung in einer talkshow fallen lassen hat, was grossen beifall auslöste. ohne also genau zu wissen, was er damit gemeint hat – auch ich habe vermutlich etwas ganz anderes daraus gemacht – ging man damit in resonanz. das fand ich spannend.

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  4. Avatar von Werner Kastens

    „das holz für morgen musste geholt werden“ und „man muss glänzen und nach flieder riechen“: ja, das passt sehr genau auf unsere damalige spießige Gesellschaft.

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  5. Avatar von Schreibeinladung für die Textwochen 15*16*17*18**24 | Wortspende von Irgendwas ist immer | Irgendwas ist immer

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