( erschienen am 21.03.24 auf jeunetogo.com )
Deutsche genießen in Togo ein merkwürdig hohes Ansehen. Gebe ich mich als Deutscher zu erkennen, wird oft freudig reagiert, gar erleichtert („Ah, er ist kein Franzose!“) und gleich aufgezählt, was die Deutschen hier alles so Tolles geleistet hätten. Etwa die Christianisierung, die Verschriftlichung von Ewe, oder den Bau von Infrastruktur. Die Franzosen hingegen hätten ja nichts dergleichen getan. Manchmal wird sogar hinzugefügt, die Deutschen sollten doch wieder zurückkommen, um Togo abermals zu kolonisieren.
Diese alltäglichen Begegnungen sind ein Indiz für die weitverbreitete Fehlannahme, dass die deutsche Kolonialherrschaft im Grunde friedlich verlaufen sei und der togoischen Bevölkerung nichts als zivilisatorische Wohltaten brachte. Diesem verklärten Erinnerungskult entgegen stehen jedoch historische Quellen des Staatsarchivs Lomé, wo über 2500 Aktenstücke aus der Kolonialzeit lagern, bzw. Tagebücher, Briefe und Memoiren ehemaliger Kolonialbeamter wie jene Hans Gruners, der 22 Jahre Leiter der Station Missahoe war.

Diese Quellen offenbaren eine ganz andere Realität: Das Eindringen der Deutschen in Togo verlief keinesfalls friedlich und vielerorts wehrte sich die einheimische Bevölkerung gegen die feindliche Übernahme ihrer Gebiete. Die 1885 gegründete Polizeitruppe, bestehend aus einigen wenigen deutschen Offizieren und ca. 500 von den Haussa und Yoruba angeworbenen Söldnern, ging 1894/95 in der Mission, die nördlichen Gebiete des Landes zu unterwerfen, mit äußerster Härte vor.
Da der Widerstandswille der Bevölkerung unterschätzt wurde, griff die Polizeitruppe unter Führung des Barons Valentin von Massow von Beginn an zu brutalen Maßnahmen. So wurden 1894 auf dem Weg nach Mango die Städte Bimbila und Yendi niedergebrannt und die 7000 Mann starke Armee (die den modernen Gewehren der Deutschen nichts entgegensetzen konnte) des Königtums der Dagomba vernichtend besiegt. Zwischen 1894 und 1900 sind insgesamt 35 große Militärkampagnen und 50 kleinere militärische Zusammenstöße verzeichnet worden, was zeigt, dass diese kriegerischen Auseinandersetzungen keine Einzelfälle waren.
Auch Hans Gruner, Stationsleiter von Missahoe, war selbstverständlich Teil dieses Unterwerfungs-Systems, was eben nur so lange friedlich agierte, wie es die unterdrückte Bevölkerung tat. Im Jahr 1897 etwa ordnete er im Zuge der Unterwerfung von Bassar als Strafmaßnahme das Massaker von Binaparba an, wo über hundert Menschen getötet wurden.
Die Station Misahöhe (benannt nach Mária Esterházy de Galántha, einer ehemaligen Geliebten des Kaiserlichen Kommissars Jesko von Puttkammer) wurde 1890 offiziell als Forschungsstation errichtet, diente jedoch hauptsächlich kolonialpolitischen Zwecken. Seine Aufgabe bestand vor allem darin, den englischen Einfluss auf den innerafrikanischen Handel zu verringern, welcher von Salaga über Kété-Kratchi zu einem Großteil direkt an die Küste der englischen Kolonie führte. Mit der Errichtung der Station nahe Kpalimé, wollte man diesen Handel nach Lomé umleiten, ohne dabei offene Konflikte mit den Engländern oder den Einheimischen zu riskieren.

Doch auch die friedlichen Zeiten in Missahoe waren von Gewalt geprägt. Die Bevölkerung wurde gezwungen, Baumwolle, Gummi, Kakao und Kaffee als deutsche Exportgüter anzubauen und Steuern an die Station abzugeben. Menschen, die sich den neuen Landesherren widersetzten, wurden gefangen genommen und mit Prügelstrafe bestraft, zahlreiche Kolonialbeamte, darunter auch Hans Gruner, nötigten Frauen und Mädchen zum Geschlechtsverkehr. Sexuelle Eskapaden und Gewalt gehörten zum Alltag, wie die deutsche Historikerin Rebekka Habermas in ihrem 2016 erschienenen Buch Skandal in Togo zeigt.
Die Dinge, für die die Deutschen heute respektiert werden, die Infrastruktur, die Verschriftlichung von Ewe und die Missionshäuser, all das waren Machtinstrumente, um den Deutschen zu nützen. Die Eisenbahn, die Straßen und der Hafen für den Export, die Verschriftlichung von Ewe für die christliche Erziehung, damit die Bevölkerung sich den Werten des Kaiserreichs anpasste und somit besser zu kontrollieren war.
Missahoe ist heute ein friedlicher, idyllischer Ort, wo abgesehen von dem Namen nur noch verfallenes und überwuchertes Gemäuer an die deutsche Kolonialzeit erinnert. Die Natur hat sich längst alles wieder zurückgeholt. Ein Mann scheint in dem ersten Stock des alten Verwaltungsgebäudes zu wohnen, in einem kleinen Raum im Erdgeschoss steht sein Moto. Im ehemaligen Wohnhaus schrecke ich ein paar Ziegen auf, als ich über die morschen Dielen laufe, und vom Gefängnis ist das Dach eingestürzt.

Vergessen ist ein Segen, sagen manche. Man erinnert sich nicht gerne an die Gräueltaten, die den Ahnen angetan wurden, denke ich, wenn mir meine togolesischen Freunde von den guten Deutschen erzählen. Und doch kann ich nicht umhin zu widersprechen, zu erinnern.
Nur der Friedhof ist noch einigermaßen gut erhalten. Neben den Gräbern von Regierungsbaumeister Ernst Schmidt oder dem Kaufmann Otto Schneider finden sich auch einige kleine Gräber, winzig klein, wie für Kinder. Ob ich als Deutscher jetzt etwas fühle, fragt mich der Guide. Und ja, ich fühle etwas, aber es ist nicht etwa Trauer für meine Landsleute, sondern es ist das beklemmende Gefühl an einem Ort zu sein, wo durch meine Ahnen Unrecht geschehen ist.

Über den Weg der Deutschen, auf welchem diese mit ihren Pferden entlanggeritten sind, geht es über Agomé Yo wieder zurück nach Kpalimé. Ich bin froh, ihre Spuren zu verlassen.


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