urlaub in deutschland

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verblüffend unaufgeregt lande ich hier und dort – und gleichsam velangsamt, innerlich verschnaufend. eine seltsame zwischenzeit ist das seit mitte april, als mein grossvater tinus starb und ich mich sofort entschloss, zu seiner beisetzung heimzukehren.

opas körper ruht nun als asche in einer biologisch abbaubaren urne unter – eine eiche ist es, glaube ich. es ist ein gemeinschaftsbiotop – passend irgendwie für tinus. dort kann er sich nun weiter unterhalten mit aktuell noch vier weiteren verstorbenen – zahl steigend. niemals sinkend, immer steigend.

mein vater sagte ein paar worte und weinte, wir weinten, opa sei wie ein baum immer höher gewachsen, habe tiefe wurzeln geschlagen und seine äste und zweige weit ausgebreitet. und wir alle, seine sprösslinge, machen es genau so, bis auch wir nur noch in unseren nachkommen weiterleben werden, als erinnerung und innere stimme, als unbestreitbare präsenz in der zwischenwelt.

es tut gut, meine familie zu sehen. einen der zwei immensen äste von denen ich abstamme. wir lachen viel nach dem weinen – natürlich – und da ist eine geborgenheit die ich spüre, die niemand mir in den letzten monaten mehr geben konnte als mein opa, am telefon. jetzt hast du mich zum weinen gebracht, sage ich am zehnten dezember in den hörer, ja, sagt er mit sanftem achselzucken in der stimme.

ein telefonat – und ich weiss wieder, wer ich bin.

in beflissener nachahmung zeichne ich meinen weg als zweijähriger nach, aus dem milden münsterland, seinen weiden und backstein-gehöften, durch das rauhe ruhrgebiet, die pfalz, baden und schliesslich über den feldberg hinweg bis in die letzten ausläufer des schwarzwalds hinein, mit blick auf die immer weissbemützten, alpinen autoritäten: heimat.

wie um mich zu begrüssen ist es regnerisch und kalt, den restlichen mai und weit in den juni. endlich wieder warme sachen anziehen. und viele alte klamotten von opa, die ich mir eingepackt habe. endlich wieder alleine einkaufen fahren, nach zell, oder das schattenreich, wie ich es insgeheim nenne. für mich kochen – und den ofen anheizen, weil mir furchtbar kalt ist. endlich wieder ein kühles waldhaus, naturtrüb und ungefiltert. endlich wieder stille.

während ich die hochzeit meines liebsten neuen freundes plane und einen job für den herbst suche, geniesse ich das grüne wiesental, koche fufu mit meiner mutter, besuche meinen vater und treffe ein paar langjährige, alte wegbegleiter, bevor der bleistift wieder ansetzt und – wie damals – einen strich über die schwäbische alb zeichnet, bis in die hauptstadt unterfrankens hinein: würzburg. im kessel gelegen, von weinhügeln umsäumt, vom main durchzogen, mit unzähligen kirchtürmen bespitzt.

zuerst ist der junggesellenabschied, den ich seit februar mit sorgfalt plane. wir scheuchen ihn mit konfettikanonen aus dem bett: was machst du denn hier?!, schaut er mich glücklich und ungläubig an, mit gelb-rosa schnipseln auf dem schwarzen haar. es war schwierig für mich, ihn anzulügen. aber genau so hatte ich mir das vorgstellt. der rest bleibt geheim.

kurzes intermezzo in basel, mein geburtstag. mein bruder ist aus amerika zurückgekehrt und meine liebsten alten freunde sind alle da. einer von ihnen eröffnet uns, dass er bald vater wird. und seine mutter kämpft weiter gegen den krebs, so stark und würdevoll – und, tausend gebete in den himmel – so verdammt erfolgreich. zum glück habe ich schnaps aus togo mitgebracht.

dann die hochzeit. ein neuer anzug, alte schuhe, keine fliege. ein im singsang rezitierender imam und eine pastorin von erfrischender natürlichkeit. worte auf türkisch aus dem munde der blonden braut. staunen und tränen. tänze auf der terrasse, alle zusammen, ein paar schritte nach rechts vorne, ein paar schritte zurück. eine rosane diskokugel planetenhaften ausmasses. reden, musikbeiträge, spiel und spass, ausgelassenheit – alles ist perfekt.

und danach leere und melancholie. und die von papa zum geburtstag geschenkte kafka-biographie von reiner stach. alleine essen beim griechen in der zellerau, sirenen hören und auf dem nachhauseweg eine riesige, in der abenddämmerung blinkende auto und menschentraube sehen – und einen grossen russfleck aus einem fenster im unteren block. ihn gleich darauf riechen können.

ein letztes mal noch auf die festung. über die stadt schauen unter dem grossen, ausladenden baum links der burg, von unten aus gesehen, der nunmehr festgehalten wird von langen, starken spanngurten. ob er sonst stürzen würde? eine schwere. eine unglaublich drückende schwere. jetzt ein moment, in dem ich ihn spüren kann, als wäre er am anderen ende einer langen, knisternden leitung. ein paar tränen erst auf dem rückweg.

Eine Antwort zu „urlaub in deutschland“

  1. Avatar von Nico

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