ma yi ma va

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4–6 Minuten

je vais aller revenir. ich gehe (kurz) und komme wieder.

den letzten eintrag schreibe ich von meinem handy, da mein laptop nun pünktlich zum abschied zu scheiden beginnt. einige tasten lassen sich mal gar nicht und mal nur noch äusserst schwerfällig auf den bildschirm übersetzen. die hardware ist alt und zäh geworden, was bedeutet: der gute alte hp pavilion wird togo nicht mehr verlassen. ich lasse ihn einem freund, der ein elektro-technik büro aufmachen möchte. vielleicht kriegt er die tastensensoren ja noch repariert. dass es so endet, hätte keiner von uns gedacht, nachdem ich ihn im september 2015 im villringer lörrach für knapp 600 euro gekauft habe. nun wird er seinen lebensabend hier in kpalimé verbringen. es gibt schlechtere orte, kann ich nach einem jahr hier sagen.

überhaupt, wie viel kommt denn wieder mit nach deutschland? wenn ich mich so in meinem zimmer umgucke, kriege ich das gefühl, schnell noch auf den markt zu müssen, um den koffer vollzukriegen.

diese abschiedsphasen sind immer so unwirklich und seit jeher habe ich sie durchtaucht. zu viel auf einmal, um irgendetwas davon spüren zu können.

von der farm habe ich mich bereits verabschiedet, mit einem letzten, fünftägigen aufenthalt, der installation eines solarpaneels, das uns nun mit strom für etwas licht und die handys versorgt. blumen hab ich gepflanzt und ein schild aufgestellt: ferme dojo. ein fest haben wir gefeiert am samstagabend, mit den nachbarn. path ademe detsi mit räucherfisch – mein lieblings togo-essen. ein wenig sodabi, sangria forte und bigoo für die kids. der fünfzehnjährige nachbarsjunge prosper steht auf energy-drinks. jeder geht seinen eigenen weg. zwei bücher liegen vor mir auf dem regal: le monde s’effondre von chinua achebe und maïmouna von abdoulaye sadji. das zweite sieht aus, als würde ich es gerne selbst lesen. dann bekommt prosper das erste.

solarenergie
piment
reifes piment
gboma
erdnüsse
die kleine beim tomaten-prüfen

der kleinen, tsuekui gerufen, sage ich ma yi ma va und prosper wünsche ich erfolg in der schule und bei den mädels. diese nachbarsfamilie ist wirklich ein segen. sie helfen uns immer wieder bei allem möglichen, mit so einer rührenden selbstverständlichkeit, die mich jedes mal erstaunt. eine zweite hütte haben sie mit uns aufgebaut. und prosper hilft immer beim giessen der mittlerweile über tausend piment pflanzen – ja, die grossproduktion hat begonnen.

wir bewegen uns zu den liedern der kabiye auf prospers handy. seine mutter ist eine kabiye und drückt uns palmwedel in die hand, damit wir mit ihr und ihrer tochter auf dem rücken im kreis tanzen und aus dem augenwinkel sehe ich donalds vater kudzo, ungelenk und ruckartig mit seiner krücke das tanzbein schwingen.

ich freue mich auf zuhause, ehrlich. und ich kehre mit ganz viel lust, freiheit und tatendrang zurück. und mit mut zur veränderung.

und gleichzeitig macht sich in mir die ahnung breit, dass ich das alles hier schon bald sehr vermissen werde, die schwüle luft, sous l’orage, der geruch von benzin auf den strassen, mit der manchmal leicht karamellisierten note, das sich ein moto heranwinken und losfahren, mit flatternden haaren, die scheppernde musik von den bars, die art, wie sie hier tanzen, leidenschaftlich, berückend, erotisch, ohne einen hauch von scham. nicht so verklemmt wie wir. diese grosse familie, die keine fremden, nur brüder und schwestern, mamas und papas kennt, das teilen und sich helfen, sich unterstützen, materiell, symbolisch. dieses herumalbern und feilschen, diese heilsame gegebenheit, dass du hier, egal was du machst, auf soziale interaktion mit menschen angewiesen bist und nicht von irgendwelchen systemen verwaltet und abgefertigt wirst. alles ist persönlich, verhandelbar, flexibel, untrennbar mit sozialem verbunden, nicht abstrakt und losgelöst, von lediglich ausführenden prokuristen exerziert (‚da kann ich leider nichts machen, das entscheide ich nicht‘) wie bei uns. diese hingabe, alles zu benutzen bis es wirklich nicht mehr geht, und nicht bis irgendjemand sagt, es ist nicht sicher genug oder was auch immer. was ist es genau, das dieses gefühl in mir macht, das mich damals in benin so infiziert hat? ich weiss es nicht. aber ich habe es wieder gespürt und ich weiss, am meisten werde ich es in deutschland spüren, wenn ich im ice durch das land transportiert werde, mein überteuertes ticket abgestempelt wird und im vierer neben mir jemand einen aufstand wegen seiner reservierung macht. wenn die kleinen jungs und mädels, still, blass und bewegungslos in grosse rechtecke starren und nicht schreien, sich gegenseitig zwicken und hinterherrennen. wenn es irritation auslöst, einen fremden anzusprechen oder nach hilfe zu fragen. wenn ich wieder dort ankomme, wo es keine formalen begrüssungsformeln gibt, kein gefühl mehr für etwas, das grösser sein könnte als wir selbst. dort, wo man daran gewöhnt wurde, sich als opfer zu sehen, anstatt als gestalter der eigenen realität. wo anstoss zu nehmen und sich zu beschweren ein volkssport geworden ist, spannenderweise von meiner eigenen generation gewissenhaft weitergetragen in die post-post-kotzmoderne. dort, wo man lang nicht mehr an konsens interessiert ist, nur noch an der zerstörung des eindeutig ausgemachten bösen, und sich damit selbst unheimlich viel potential raubt.

so, fertig mit der idealisierung bzw. entwertung. es gibt weiss gott auch beschissenes an togo und tolles an deutschland. aber das können sie ja auch googeln.

ich möchte mich jedenfalls ganz herzlich bedanken, für ihr anhaltendes interesse an diesem blog, der sagenhafte fünfzig follower auf sich vereinen konnte. es war mir eine freude, sie (hoffentlich) zu unterhalten.

die (vielleicht) gute nachricht ist: ich werde diesen blog fortführen. ich weiss noch nicht genau wie, aber das wird sich ganz natürlich ergeben. es werden neuigkeiten zur farm bekanntgegeben, gschichten aus dem paulaner garten erzählt und vermutlich das eine oder andere literarische kurzprojekt veröffentlicht. wenn sie mögen, bleiben sie also gerne dran.

ich werde die seite etwas umgestalten, aber alle alten beiträge werden weiterhin im archiv nachzulesen sein. es wird weiterhin einen generellen spendenaufruf geben, aber diesmal nur für die jährlich anfallenden 114 euro zur verlängerung des wordpress abo’s.

ansonsten: machen sie’s erstmal gut, ich verabschiede mich von ihnen aus togo und freue mich, sie schon bald aus dem schwarzwald neuerlich begrüssen zu dürfen.

5 Antworten zu „ma yi ma va“

  1. Avatar von Jürgen Bootsmann

    Lieber Joram! Vielen Dank für deine berührenden Worte! Ich freue mich dich im Schwarzwald wieder sehen zu dürfen. Gruss Jürgen

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  2. Avatar von Nico
    Nico

    Schöner Text mein lieber. Freu mich mit dir über das ganze in Frankreich zu sinnieren, denke da haste aufjedenfall einige schöne Dinge fürs Leben mitgenommen ❤

    Bis in ein paar Tagen hehe

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    1. Avatar von lecrayonvert

      da freu ich mich drauf ❤ bis bald!

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  3. Avatar von Flurm
    Flurm

    Ja man, es ist so wichtig leute wie dich zu haben die einen daran erinnern wie privilegiert wir hier sind und dass es auch an uns sein sollte, unser leben mit hoffnung zu leben und zu feiern und nicht nur vorgefertigte pfade breiter zu trampeln. Danke für deinen blog und all die bereicherungen:-)

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  4. Avatar von Charlotte
    Charlotte

    Ich spüre, wie schwer dir der Abschied von Togo und den Menschen dort fällt, aber auch die Vorfreude auf Zuhause.
    Es war spannend und interessant, dich ein Jahr zu begleiten, lesend an deinem Leben in Togo teilzunehmen, Schwierigkeiten zu meistern und Feste zu feiern.
    Ich würde mich freuen, zu erfahren wie dein Leben in Deutschland weitergeht, welche Pläne du hast. Ich bin gespannt.

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