also, ich wollte mal wieder was erzählen. es ist ja schon eine weile, die ich jetzt wieder hier residiere, im faserland, und ich hatte auch schon einige ideen hier und da über neue blog-beiträge – zum beispiel einen über johann peter hebel, den einsamen star am hausener literaturhimmel, der in diesem beschaulichen fleck erde (einem von 12 hausens hierzulande; es ist gar der häufigste ortsname deutschlands, ist dies zu glauben) um das jahr 1800 herum ein paradies sondergleichen erkannte.
es ist für mich wahr und bleibt für mich wahr, der himmel ist nirgends so blau, und die luft nirgends so rein, und alles so lieblich und so heimlich als zwischen den bergen von hausen – steht folgerichtig, nicht ohne ein dazu gemaltes, ernstes porträt des gelehrten, an der eierschalenfarbenen trafostation am ortseingang.
das einzige ordentlich aussehende haus in hausen gehört natürlich auch ihm, beziehungsweise seiner stiftung, der basler hebelstiftung, die sich bereits im jahr 1860, an hebels hundertstem geburtstag gründete. seit diesem datum spendieren sie gemäss seines letzten willens jedes jahr am 10. mai den zwölf ältesten männern und frauen aus hausen eine mahlzeit, samt einer flasche markgräfler wein: das hebelmähli.
zu seinem ruhm liesse sich einiges erzählen, seiner kurzen aber intensiven schaffensphase, den allemannischen gedichten, die ihn augenblicklich bis in die höchsten sphären der weltliteratur katapultierten, in die blickwinkel klopstocks, jean pauls und sogar goethes, und über seine kalendergeschichten, die bis in die überlegungen zur sprache der grossen philosophen des 20. jahrhunderts einflossen und in denen sich für heidegger das wesen des seienden offenbart(e). ich freue mich schon darauf, in sein leben und werk einzutauchen, was ich – offen gesagt und nicht ohne scham über 28 bereits versäumte, unwürdige jahre in geistiger dunkelheit – als meine heilige pflicht als hausener ansehe.
früher flitzte auch ich im hanseli durch die – und das ist jetzt eine ungewollte literarische verdichtung – hebelstrasse, zwischen dem kirchturm und der alten schulhausfassade hin und her. das hebelfest war wirklich das event, und so allumfassend, dass sich auch der griesgrämigste einwohner unmöglich den aktivitäten entziehen konnte: schallende kanonenschüsse ertönten um 6 uhr morgens vom maienberg hinunter, die hebelmusik begann spielend durch die strassen zu ziehen und die vreneli und hanseli aus den stuben zu locken, denn bald musste man die delegation der basler hebelstiftung an der bahnstation begrüssen und in den festsaal geleiten, wo nach einigen musikalisch-tänzerischen darbietungen der kindergarten- und schulkinder, die verleihung des alle zwei jahre vergebenen und mit 20.000 euro dotierten hebel-literaturpreises des landes baden-württemberg von statten ging. letztes jahr gewann pierre kretz, ein elsässischer autor mehrerer romane und theraterstücke, davor war es die österreicherin monika helfer, deren roman vati man möglicherweise noch von den spiegel-beststeller auslagen in den press&books-läden der bahnhöfe kennt.
viele stände gab es und auch fahrgeschäfte – als hier und da im dorf noch brachflächen zu finden waren, gab es sogar noch einen autoscooter, direkt bei uns um die ecke. das war wirklich kaum zu erträumen! und jetzt ist es ja auch unvorstellbar, wobei ich die scheusslichen weissen neubauten auch eigenhändig einhämmern würde.
es ist also voll von folklore, das gute hausen im wiesental, und das literaturmuseum im hebelhaus ist wirklich einen besuch wert. wenn ich in nächster zeit einmal vom kafka-sog loskomme und irgendwo in der werkstatt meines vaters das schatzkästlein finde, oder die alemannischen gedichte, dann werde ich sie natürlich an meinem lesegenuss teilhaben lassen.
ein kleines schmankerl vielleicht vorweg: 1803 erscheint das gedicht die vergänglichkeit, in dem ein junger bueb mit seinem ätti nachts unterwegs ist, auf dem weg nach basel, zwischen steinen und brombach – genau dort, wo der junge johann peter mit 13 jahren (sein vater starb bereits ein jahr nach seiner geburt) seine schwer kranke mutter verlor und zum vollwaisen wurde. der bueb blickt also hoch zur burg rötteln, die schon damals verfallen ist, und fragt sich: un üüser huus […] goht’s em echterst au no so? der ätti ist wenig einfühlsam und hält mit der wahrheit nicht hinter den berg: je’s isch nit anderst, lueg mi a, wie d’witt […]
’s alter chunnt, un wo n i gang, go gresgen oder wies,
in feld un wald, go basel oder haim,
s’isch ainerlai, i gang im chilchhof zue, –
briegg alder nit! – un bis de bisch wie n ich,
e gstand’ne maa, se bin i nümme do,
un d‘ schoof un gaiße waiden uf mym grab.
diese (an seinen sohn gerichtete!) erzählung spinnt der ätti weiter bis hin zur totalen apokalypse, in der die ganze welt brennt und nunmehr verkohlt, schwarz und ausgetrocknet ist. und dann sagt er dies:
un wemme nootno gar
zweituusig zehlt, isch alles zsemmekeit;
un endli sinkt ’s ganz dörfli in sy grab.
und das macht mich natürlich nachdenklich, weil man ja jetzt zweituusigvierezwanzig zählt und wenn ich mir das dorf so anschaue, dann glaube ich kaum, dass der bueb damit zufrieden wäre (dem ätti wäre das egal, dem ist ja sowieso alles egal, der sagt buchstäblich: nach mir die apokalypse). aber der bueb, der wäre wohl ernüchtert – nicht von den weissen häusern, den asphaltierten strassen und bunten autos, dies würde ihn natürlich alles begeistern, denn es beweist, dass hier nach wie vor menschen leben und eben nicht alles in sich zusammengefallen ist, schon gar nicht das hebelhüüsli – nach wie vor das dorfzentrum. nein, er wäre ernüchtert, sobald er ins dorfinnere käme und sähe, dass es nicht einmal mehr einen gottverdammten geldautomaten der volksbank oder der sparkasse gibt, beide innerhalb kürzester zeit abgebaut. keinen dorfladen ausser paul’s getränkemarkt und spar, keinen metzger mehr, kein spiel- und kurzwarengeschäft, die parks abgeholzt, keine kneipe mehr ausser dem adler und dem läubin (die sich allerdings wacker halten), kein bäcker, nicht mal mehr der bäckerwagen kommt noch. das dorf ist nicht in sein grab gesunken – es steht da, grell und tot.
alles ist weiss und umzäunt. dort, wo einst der bauernhof stand – mitten im dorf – steht jetzt ein riesiges, modernes zweistöckiges anwesen mit flachdach und fensterfront und einem von diesen beschissenen zier-bananenbäumen im garten, wie sie mir, seit ich wieder zurück bin, ständig auffallen. die sind nun wirklich das endgültige anzeichen für den unabwendbaren verfall.
auf dem weg in die unterwelt, wie ich rheinfelden nenne (vgl. das schattenreich = zell im wiesental), und wo ich arbeite, sehe ich sie in jedem dritten garten entlang der strasse, tendenz steigend je näher man dem innersten höllenkreis kommt, und das lässt wirklich nur einen schluss zu: umso weniger seele ein ort hat, desto verzweifelter kaufen sich die hausbesitzer zierbananen beim baumarkt. sie stossen mir richtig auf, wenn ich bei wind und regen an ihren früchtelosen stämmen vorbeifahre, während die äpfel und zwetschgen auf der erde verfaulen, dass man soviel kuchen gar nicht backen kann.
eine zierbanane signalisiert: jetzt ist dieses dorf endgültig nur noch eine bienenwabe, ein vom öffentlichen und gemeinschaftlichen leben sauber abgetrennter sektor mit schlaf- und ruhekabinen, wo sonst nichts mehr gross geschieht, keine undefinierten freifllächen, nur bauplatz an bauplatz, kein richtiger ort, sondern ein vor-ort, where you can’t smell a thing, [and] you watch your feet, for cracks in the pavement. also bestellt man sich eben eine zierbanane.
wahrscheinlich denken alle lebenden, sie wären die letzten zeugen der guten alten zeit, und nach ihnen könne nur noch – und zwar nichts geringeres als – die apokalypse folgen. der ätti ist zwar keine besonders einfühlsame vaterfigur, aber dafür transportiert er eine seltsame leichtigkeit, eine fatalistische aufgehobenheit selbst noch in der grössten katastrophe, die an den barocken neostoizismus erinnert. spricht da etwa hebel der geistliche, später prälat der massgeblich unter seinem einfluss vereinigten evangelischen landeskirche? er erzählt zwar davon, dass der bueb durch gutes verhalten in den himmel kommt, in einen stern die milchstrasse hinauf, oder in die verborgene stadt, doch vor dem hintergrund des bereits zu anfang des gedichts beginnenden sogs von tod und verfall von allem im diesseits, spielt der ausblick auf das jenseits eine eher untergeordnete rolle und wirkt sogar wie vom ätti behelfsmässig herbei fabuliert:
he, d’lüt sin nümme do, wenns brennt, sie sin –
wo sin sie? seig du frumm, und halt di wohl […]
und haltsch di gut,
se chunnsch in so ne stern, und ’s isch der wohl,
und findsch der aetti dort, wenn’s gottswill isch […]
vielleicht also keine predigt, sondern eher eine consolatio philosophiae der bodenständigeren art. der ätti bringt durch seine erklärungen vor allem seine verbundenheit zum ausdruck mit all den städten, dörfern, burgen und bergen, dessen verfall er beschreibt, und eine ruhe in dieser gewissheit des ewig rauschenden wassers, mit der er dem bueb die angst nehmen möchte. denn die angst verstärkt nur sein leiden im hier und jetzt, ohne an dem unumstösslichen gesetz der vergänglichkeit etwas zu verändern. so wie die burg rötteln, wird auch er eines tages im gras versinken, und noch nicht einmal traurig darüber sein, denn alles geht zu ende, auch die welt, so ist es eben, da kannst du schauen und angst haben, wie du willst. doch bis es so weit ist, muss es weitergehen. – hüst, laubi, merz!
ob das den jungen getröstet hat?


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